DIE ZEIT

Freiheit als Krisenpreis

In den schicksalsschweren Vorweihnachtstagen, als der polnischen Nation das Chaos drohte, hat die katholische Kirche verantwortungsvoll geschwiegen.

Ende der Durststrecke?

Gunnar Jarrings, des UN-Vermittlers, dritter Anlauf zum Frieden in Nahost ist von Israelis und Ägyptern mit solch düsterem Pessimismus untermalt worden, daß sich die Frage nicht unterdrücken läßt, warum sie sich dann überhaupt auf eine so hoffnungslose Sache eingelassen haben.

Bummeln für wen?

Dienst nach Vorschrift“ – so nannten zuerst die Flugverkehrslotsen, später die Bediensteten der Bundespost ihre Bummelstreiks.

Lautloser Tod

Zwei vietnamesische Bauern ziehen, starr vor Staunen, durch einen toten Wald. Sagt der eine: „Gott läßt die Bäume wachsen, die Bäume erzeugen den Sauerstoff, und die Vereinigten Staaten produzieren die Entlaubungsmittel.

Spiegelfechtereien um Berlin

Die Nebelwerfer sind am Werk. Berlin – das Thema, das Thema des Jahres 1971 – verschwindet allmählich im Dunst der Gerüchtefabrikanten und der Bangemacher.

ZEITSPIEGEL

Leila Khaled, berühmte arabische Luftpiratin, ließ wieder von sich hören. Auf imitierten Flugscheinen mit Bildern von der Flugzeugsprengung in Jordanien verschickte sie zwanzig Neujahrsgrüße an das Personal des Londoner Polizeigefängnisses, in dem sie sechs Wochen lang festgehalten worden war.

Madrid sucht nach Sündenböcken

General Franco und die Armee, das Fundament seiner Herrschaft, sind durch den innerspanischen und internationalen Aufruhr über den Burgos-Prozeß gedemütigt und lächerlich gemacht worden.

Der Caudillo auf schwankendem Podest

Der Basken-Prozeß in Burgos hat Franco und sein Regime in eine tiefe Krise gestürzt. Der spanische Staatschef hat die Todesurteile in Haftstrafen umgewandelt.

Aufruf zum Kulturkampf

Um die Mitte der fünfziger Jahre beantwortete der Große Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe eine Rechtsfrage, die schon damals anachronistisch wirkte: ob nämlich der Verkehr zwischen Verlobten stets und ausnahmslos „unzüchtig“ sei.

Schwarzer Humor in Conakry

Noch immer ist es für Bonn ein Rätsel, welche Motive und Umstände Präsident Sekou Touré bewogen haben, die in Guinea lebenden Westdeutschen des Landes zu verweisen.

Ulbrichts Macht auf Zeit

Von seinem Hofbiographen Johannes Becher wurde SED-Chef Ulbricht einst mit den Worten bedacht: „Er legt keine Pause ein. Er folgt den Ereignissen und reagiert auf sie unmittelbar.

Wolf gang Ebert:: Die CDU als Freund

Auch eine Regierung braucht Freunde – Menschen, die ihr gelegentlich die Wahrheit sagen, und zwar ungeschminkt, ihr einen guten Rat erteilen und sie vielleicht gar warnen.

Ostberlins neues Schreckgespenst

Die Verleumdungskampagne der DDR-Presse gegen die Bundesrepublik hat einen seit langem nicht erlebten Höhepunkt erreicht. Mit wütenden Angriffen gegen die Bonner Regierungskoalition versucht die SED, jegliche Entspannungspolitik zu blockieren.

Leibholz ging zu weit

Bundesverfassungsrichter Leibholz ist in einer Rundfunksendung für eine gesetzliche Änderung der Eigentumsverhältnisse bei Grund und Boden eingetreten.

Auch von Geld war die Rede

Es war vorauszusehen. Die Kontroverse Löwenthal–Nannen hat sich in den Maschen der Justiz verfangen. Anwälte und Richter führen das Wort.

Ist „Che“ ein Name?

Revolutionäre haben es schwer in unserem Land. Segeln sie nach mühevollen Demonstrationsjahren erschöpft und resigniert in den Hafen bürgerlicher Ehe, so erinnert das nicht selten an Kapitulation.

Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Rangeln um die Richtung

Das Jahr beginnt mit Spekulationen: Wenn die Freien Demokraten am 25. April bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein wieder mit vier Mandaten in das Abgeordnetenhaus der Kieler Förde einrücken, wird Oppositionsführer Joachim Steffen (SPD) Ministerpräsident; im Bundesrat erhält die sozial-liberale Bonner Koalition dann die Mehrheit.

Der Traum von Dresden

Dresden resden – es war eine zufällige und sehr flüchtige Bekanntschaft auf dem Weg von Westberlin nach Prag. – „Ein, zwei Stunden können Sie meinetwegen in Dresden bleiben und essen“, hatte mir der Volkspolizist am Grenzübergang Drewitz auf eine entsprechende Frage zugebilligt, „länger auf keinen Fall.

„Ihr müßt gewinnen“

Er riß die Tür auf, sah die Erwachsenen, fragte atemlos: „Darf ich einen Stuhl haben, wir spielen Schule, ich bin der Lehrer“, er kam tänzelnd wie ein Boxer näher, als jemand ihm zurief: „Bleib einen Augenblick bei uns, erzähl uns von deinen Geschwistern.

Streit in Stuttgart

Mit Auseinandersetzungen über ein gesellschaftspolitisches Programm begann am Montag das traditionelle Dreikönigstreffen der FDP Baden-Württembergs.

Dokumente der ZEIT

„Das Grundgesetz bekennt sich zum sozialen Bundesstaat, und das Bekenntnis zum Sozialstaat hat dieselbe Bedeutung wie das Bekenntnis zum Rechtsstaat, Die Aufforderung ist also heute an den Gesetzgeber angesichts offensichtlich zutage liegender Mißstände, dafür Sorge zu tragen, inwieweit diesem Mißstand durch eine Änderung der bestehenden Eigentumsinhaltsbestimmung begegnet werden kann.

Warschau: Forderung der Kirche

Die katholische Kirche Polens ist überraschend mit weitreichenden Forderungen an die neue Staats- und Parteiführung herangetreten.

Indien: Vorzeitige Wahlen

Indiens Parlament ist 14 Monate vor Ablauf seiner auf höchstens fünf Jahre begrenzten Legislaturperiode aufgelöst worden. Staatspräsident Giri unterzeichnete nach längerem Zögern die von Ministerpräsidentin Indira Ghandi vorgelegte Auflösungverordnung.

Prag: Schlag gegen Husak

Im Zuge der Re-Zentralisierung ist es am Wochenende zu einer einschneidenden Umbildung der tschechoslowakischen Bundesregierung gekommen.

Würzburg: Synode konstituiert

Nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit ist in dieser Woche in Würzburg die erste gemeinsame Synode der römischkatholischen Bistümer in der Bundesrepublik zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammengetreten.

Neuer Versuch von Jarring

Mit sehr gedämpftem Optimismus haben Israel und Ägypten die indirekten Friedensgespräche unter Vermittlung des UN-Beauftragten Jarring wieder aufgenommen.

Todesurteile aufgehoben

Nach weltweiten Protesten und Bitten haben Madrid und Moskau Milde geübt: Staatschef Franco wandelte das Todesurteil gegen sechs baskische Separatisten in 30jährige Haftstrafen um.

Neill als Erzieher

Summerhill, wie ich es erlebt habe, entspricht nicht ganz den Vorstellungen, die man aus Neills Büchern davon gewinnen könnte.

Der Doktorgrad wird promoviert

Daß über die Grundsätze der Hochschulpolitik ein Consensus zwischen den Hochschulgruppen einerseits und mit den Politikern andererseits schon aus prinzipiellen Gründen nur schwer möglich ist – das ist ungefähr die einzige Binsenwahrheit, auf die sich noch alle einigen können.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Ray Davies blättert im Familienalbum der Kinks, meditiert teils melancholisch, teils ironisch über das Showgeschäft, feiert das glorreiche Comeback der Kinks mit besten hard-rock-Nummern und singt Verse wie: „I’ll be your Tarzan and you’ll be my Jane! I’ll keep you warm and you’ll keep me sane“.

Neuere Publikationen zur gründlichen Information über Summerhill

Alexander S. Neill: „Summerhill“; Pelican, Penguin Books, London 1962, Neuauflage 1970; 336 S., 4,65 DM. Deutsche Übersetzung von Herman Schroeder und Paul Horstrup unter dem Titel „Erziehung in Summerhill“; Szczesny Verlag, München 1965 (nicht mehr, greifbar) – unter dem Titel „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – Das Beispiel Summerhill“; rororo Sachbuch 6707/8, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1969; 338 S.

Kunstkalender

Den bedeutendsten Bremer Künstler neben Paula Modersohn nennt ihn Günter Busch in seinem Hommage zum 75. Geburtstag. Kein Widerspruch, bis auf die geographische Nuance, daß Radziwill nicht in Bremen, sondern seit 1921 in Dangast am Jadebusen lebt.

ZEITMOSAIK

Das bislang ehrgeizigste aller Projekte, die elektronischen Massenmedien zum Fernunterricht der Massen heranzuziehen, ist am 3.

Fünfzehn Frauen von einst

So schrieb 1799 Dorothea Veit an den Freund Friedrich Schleiermacher: „Die Fichte habe ich besucht, Gott bewahre uns! Wie konnte der Mann seinen Mangel an Poesie so beurkunden!“ Ein Stückchen Klatsch im Brief und außerdem wohl ein Signal: Eine selbständige Literatin, eine denkende Romantiker-Geliebte, fiel über ein Eheweib der älteren und gröberen Sorte her.

Eine germanistische Bilanz

Das Wort von der Germanistik in der Krise droht in die Krise zu geraten. Das hat seinen Grund zum einen im sich verschleißenden Reizwert der Provokation.

Die Welt als Lexikon

Das Roman-Debüt des vierzigjährigen Österreichers Andreas Okopenko wäre kaum wert, auch nur erwähnt zu werden, wenn sich in ihm nicht einige Irrtümer oder Ungereimtheiten widerspiegelten, die für gewisse literarische Tendenzen typisch sind und deshalb Interesse verdienen.

Die zermalmende Zeit

In Frankreich gilt Claude Simon als der legitime Erbe Prousts. Dessen großes Thema „Zeit und Erinnerung“ wurde von keinem der neueren Romanciers mit gleicher Radikalität in die Romanform übergeführt.

KRITIK IN KÜRZE

„Die Jagd nach Liebe“, Roman von Heinrich Mann. Eine „verfehlte Existenz“ von vornherein ist Claude Marehn, der da nach Liebe jagt, genauer: nach dem „starken, schönen Leben“, als das er eine etwas exaltierte, Minderbegabte Schauspielerin mißversteht; denn zu den ersehnten „starken Empfindungen“ geht dem großbürgerlichen Décadent und Erben, der reich genug ist, gänzlich der Kultivierung seiner Schwächen zu leben, nach dem Willen seines Autors das nötige „reichere Blut“ ab.

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Barravento“ (1962), von Glauber Rocha. Mit einer widersprüchlichen Verbindung von Naturalismus, Surrealismus und Lyrismus dokumentiert Rocha in seinem ersten Film die soziale Misere schwarzer Fischer im Nordosten Brasiliens.

Wer filmt Olympia – und wie?: Gesucht: ein Oberregisseur

Ende dieser Woche wird der Vorstand des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1972 darüber beraten, von wem und wie der Olympiafilm zu produzieren ist; und wenn auch noch keine Entscheidung bis zum Vertragspunktum fallen dürfte, so werden jetzt doch die Weichen gestellt.

Im Himmel versichert

Nach seiner Priesterweihe war er in einer progressiven Industriekleinstadt gewesen, eine kurze Zeit nur, aber lange genug, um eine Menge reformerischer Ideen verwirklichen zu können, die Jugend war begeistert, die Erwachsenen liefen mit, und der Pfarrer übersah, was er nicht verstand.

Fernsehen: Keine Arbeit über Arbeiter

Welches Stück er nun gelesen haben mag, der für die Ansage verantwortliche Herr, kann ich nicht sagen: Jochen Ziems Fernsehfilm „Unternehmer“ war es wohl kaum.

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