ARD, Dienstag, 29. Dezember: "Unternehmer", Fernsehspiel von Jochen Ziem

Welches Stück er nun gelesen haben mag, der für die Ansage verantwortliche Herr, kann ich nicht sagen: Jochen Ziems Fernsehfilm "Unternehmer" war es wohl kaum. Die Frage nämlich, ob es in unserer Zeit noch ein klassenbewußtes Proletariat gibt, stand überhaupt nicht zur Debatte in diesem Spiel – gezeigt wurde vielmehr, über welche Eigenschaften man verfügen muß, um es, auf bescheidenem Niveau, zum Unternehmer zu bringen. Die Schäbigkeit des Lumpenproleten, der immer nur an das Nächstliegende denkt, reicht da nicht hin. Arnold, der Protagonist der Milieu-Kolportage, scheitert erbärmlich, weil er, der nur ein Taktiker, doch kein Stratege ist, allein an die Erfolge seiner Augenblick-Tricks denkt: Ein Mädchen kirre zu machen, bei einer Alimentenklage die Mehrverkehrzeugen zu finden, ein Fünfzigpfennigstück an den Magnetring zu heften.

Um weiterzukommen in dieser Welt, das ist das Fazit des Stücks, bedarf es anderer Fähigkeiten als der kleinen miesen Mätzchen eines Unanständigen, der der Größte nur für seinesgleichen ist und, als Heizer, Etablissementswirt und Jahrmarktkassierer, immer ein Lumpenprolet bleibt. Nur wer das Endziel nie aus den Augen verliert und es versteht, die Kunst des Triebaufschubs zu praktizieren, erreicht, was er sich vorgenommen hat.

Das wird im Film am Beispiel der eigentlichen Unternehmerin, an Barbaras Exempel vorexerziert: Die hat das Zeug zum Höheren, läßt sich nicht blenden vom Sukzeß der Sekunde, kann vielmehr warten, operiert rationell, verliert selbst beim Beischlaf nicht das Geschäft aus den Augen, hat auch in der Horizontalen die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches im Kopf, die es ihr späterhin ermöglichen, dem länger nicht mehr Dienlichen mit dem Bett auch die Kasse zu sperren... und wenn ihr doch einmal ein Fehler in der Kalkulation unterläuft, dann bügelt sie ihn wieder aus und macht kurzen Prozeß: Ein Kind beeinträchtigt den Profit, also muß es verschwinden.

Die Unternehmerparabel wurde in einer Folge von Szenen interpretiert, die einander parallel und antithetisch zugeordnet waren: Freundin Monika muß ein Kind austragen, wird von Arnold verstoßen; Freundin Barbara treibt das Kind ab und verstößt Arnold. Der Held ist schwankend: fängt wieder an mit Monika. Die Heldin zögert nicht. Für sie wird abgeschrieben, was abgeschrieben ist.

Und dennoch, so stimmig das Modell in der nachträglichen Interpretation auch zu sein scheint, so vortrefflich einzelne Szenen photographiert waren (die Heuschoberorgie, mit der unterlegten Azzurro-Musik allen voran) – der Gesamteindruck blieb zwiespältig, weil den Personen falsche (oder doch mißverständliche) Sozialrollen zudiktiert wurden, so daß der Betrachter am Bildschirm in Gefahr geriet, einerseits den Arbeitern anzulasten, was Ausdruck lumpenproletarischer Gesinnungslosigkeit ist, und andererseits der Unternehmerin Skrupellosigkeit als Moralität abzukaufen. Es fehlte an Theorie in dieser (mit Reißerelementen durchsetzten) Milieustudie; die gesellschaftliche Funktion der Handelnden gewann in keinem Augenblick Plastizität; Barbaras Verhalten wurde ebensowenig als eine Übernahme bürgerlicher Erfolgsmuster erkennbar, wie Arnolds Scheitern als unbeholfene Adaptation von sozialdarwinistischen Prinzipien erschien.

So war’s am Ende lediglich ein Chargenspiel, das "Unternehmer"-Stück, mit einer großen, einer halbgroßen (auch das ein Fehler: beide Unternehmer hätten gleichrangig vorgeführt werden müssen) und sehr viel kleineren Chargen – darunter einem Studenten, der den Arbeitern, die keine Arbeiter waren, ihre "Abhängigkeit von den Produktionsmitteln" vorhielt und sich mit solchem Satz in gleicher Weise als Karikatur eines linken Studenten vorstellte, wie Arnold, der Held, die Karikatur eines Proletariers war. Momos