"Die Jagd nach Liebe", Roman von Heinrich Mann. Eine "verfehlte Existenz" von vornherein ist Claude Marehn, der da nach Liebe jagt, genauer: nach dem "starken, schönen Leben", als das er eine etwas exaltierte, Minderbegabte Schauspielerin mißversteht; denn zu den ersehnten "starken Empfindungen" geht dem großbürgerlichen Décadent und Erben, der reich genug ist, gänzlich der Kultivierung seiner Schwächen zu leben, nach dem Willen seines Autors das nötige "reichere Blut" ab. Und so fällt er denn auch nach mancherlei episodischen Eskapaden ins Erotische, Mäzenatische und "Soziale" seiner "unglücklichen Feinheit" zum Opfer. 1903 in sechs Monaten hingelegt, also zwischen dem bereits angekränkelten Renaissancismus der "Göttinnen" und der berühmteren Geschichte vom Ende eines Tyrannen, "Professor Unrat", ist dieser Roman von changierender Mehrdeutigkeit: Gänzlich abgelegt hat der Autor selber offenbar die hier ausschweifig nachempfundene "Verfeinerung" noch nicht, davon zeugen schon die mannigfachen Jugendstilisierungen; andererseits jedoch trägt der vorgeführte (Ver-)Fall paradigmatische Züge und ist damit eine deutliche Absage an das, was Mann hier den "Ästhetizismus der gänzlich Untauglichen" nennt. Und das mit satirischer Akribie gezeichnete Panoptikum der Besseren Gesellschaft am fin de siècle zeigt zwar des Autors Distanz – doch paßt diese nur zu gut auch zum hilflosen Ennui seines Un-Helden. (Claassen Verlag, Hamburg; 498 S., 28,– DM)

Rainer Zimmer

"Nicht so laut vor Jericho", von Ephraim Kishon. Der israelische Satiriker Ephraim Kishon hat sich, so scheint es, wiedergefunden. Sein Humor ließ in dem Maße nach, in dem der Patriotismus zunahm. Nun ist die politische Lage nicht eben so glänzend, daß Siegerstolz den Ton angeben könnte, und so geht es in dem neuen Band Kishons vorwiegend um dasjenige, was man im Jiddischen schlicht als Zores bezeichnet – um die kleinen Sorgen des Herrn Jedermann aus Tel Aviv. Problematische Zeitläufe liefern offenbar dem Satiriker mehr Stoff, und so freut man sich, in diesen Schnappschüssen etwas von der Lebenssphäre in Israel eingefangen zu sehen. Da verwechselt ein Computer im Finanzministerium den Fluß Kishon mit einem Autor gleichen Namens und schreibt ihm die Kosten für eine Hafenreparatur vor. Und über die Bildschirme von Tel Aviv zittert das arabische Fernsehprogramm und steckt selbst israelische Patrioten, die kein Wort Arabisch sprechen, mit seiner Propaganda an. Wenn in der Stadt das Gerücht umläuft, demnächst würden Elefanten im Preis steigen, schmuggeln die Bewohner von Neubauwohnungen nachts heimlich die Dickhäuter in ihre Miniaturbadezimmer. Die Probleme unterscheiden sich nicht allzu sehr von denen, die man auch anderswo kennt, aber hier wächst ihnen ein Quantum Folklore zu, ein Stück Wüstenhitze oder orientalische Phantasie oder Pioniereifer. Der Titel "Nicht so laut vor Jericho" enthält die Lehre, daß man vor Jericho nicht so laut blasen solle, weil man vielleicht mit einer spitzen Pikkoloflöte mehr erreicht als mit einer heroischen Posaune. Wiedergefunden hat übrigens Kishon nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Übersetzer Friedrich Torberg; wie viel seine geschliffene Prosa dazu beiträgt, Kishon-Pointen ins rechte Licht zu setzen, wird hier offenkundig – übrigens auch in der billigen Ausgabe von "Arche Noah Touristenklasse"; das Buch war seinerzeit als Opus zwei erschienen und liegt nun in der Fünf-Mark-Reihe des Verlags wieder vor. (Verlag Langen Müller, München; 248 S., 16,80 DM)

Otto F. Beer