Von Nora Beloff

– Madrid, im Januar

General Franco und die Armee, das Fundament seiner Herrschaft, sind durch den innerspanischen und internationalen Aufruhr über den Burgos-Prozeß gedemütigt und lächerlich gemacht worden. Die Suche nach Sündenböcken hat bereits begonnen.

Inzwischen scheint es sicher zu sein, daß Franco von Anfang an gegen eine Vollstreckung der Todesurteile von Burgos war. Dennoch hat er die Entscheidung zwei quälende Wochen lang hinausgezögert – hauptsächlich deshalb wohl, um zu, testen, wieweit ihm die Armee und die rechten Ultras folgen würden. Noch einmal offenbarte der Caudillo sein ganzes politisches Talent, als er die faschistischen Demonstrationen unter seine Fittiche nahm, zu denen die extreme Rechte in Madrid und anderen großen Städten die Massen zusammengetrommelt hatte, um ein scharfes Durchgreifen und die Todesstrafe für die baskischen "Verräter" zu fordern. Später verkündete er der Nation, kühl, diese massiven Vertrauensbeweise für ihn hätten ihm die Möglichkeit gegeben, Milde walten zu lassen – das heißt also, genau im Gegensatz zu den Forderungen zu handeln, die von den Demonstranten so lautstark vertreten worden waren.

Die Scharfmacher unter den Militärs, die auf Hinrichtungen drängten, versuchten Franco unter Druck zu setzen: Sie veranlaßten das Gericht dazu, noch härtere Urteile auszusprechen, als der Staatsanwalt gefordert hatte – einschließlich der doppelten Todesurteile für die drei Hauptangeklagten. Tatsächlich zögerte Franco bis zum letzten Augenblick, als die Urteile bekannt wurden. So erhielt das spanische Fernsehen während der entscheidenden Kabinettssitzung die vertrauliche Aufforderung, ein Alternativ-Programm vorzubereiten, da es nicht sicher sei, ob General Franco seine angekündigte Rede über die erwartete Begnadigung noch am gleichen Abend halten würde.

Einige der Minister traten dafür ein, den offensichtlich miserabel geführten Prozeß für ungültig zu erklären und den Fall dem Obersten Militärgericht in Madrid zu übertragen. Das war auch der Grund dafür, daß General Garcia Rebull, der Militärgouverneur der Region Burgos, dazu veranlaßt wurde, die Bestätigung der Urteile für die ungewöhnlich lange Zeit von 48 Stunden hinauszuzögern. Am Ende unterzeichnete er auf persönliche Weisung Francos, der ihn wissen ließ, daß die Todesurteile umgewandelt werden würden.

Stimmte der rechtsgerichtete Falangist Rebull, wie eingeweihte-politische Kreise glauben, schließlich nur zu, weil man ihm die sofortige Beförderung zum Militärgouverneur von Madrid versprochen hatte? Verständlich wäre es, denn dieses Amt könnte in der Zukunft entscheidend werden. Alle Experten sind sich einig: Wenn Franco einmal stirbt, wird die politische Macht bei jenen liegen, die die Streitkräfte in und um Madrid kontrollieren. In diesem Falle könnte General Rebulls bekannte Feindseligkeit gegenüber dem von Franco bestimmten Nachfolger, Prinz Juan Carlos, den Ausschlag geben.