Man hat Kenneth Anger den Magier des Underground-Films genannt. Der heute Achtunddreißigjährige ist einer der bedeutendsten Anreger des modernen Kinos, einer der intensivsten und faszinierendsten Regisseure des New American Cinema. Einige seiner Filme sind in allen dritten Programmen des Deutschen Fernsehens gelaufen; sein Gesamtwerk – nur acht Filme zwischen fünf und vierzig Minuten – wurde im Dezember im Hamburger "Abaton" gezeigt und läuft Anfang Januar im "Arsenal" in Berlin.

Angers Filme sind dämonische Phantasmagorien, schwarze Messen und mystische Orgien, magisch-bizarre Alte, Visionen und Zeremonien. Selbst banale Vorgänge, alltägliche Themen, scheinbar Vertrautes geraten ihm zur kultischen Beschwörung. "Einen Film machen und eine Zauberformel sprechen ist im wesentlichen dasselbe", sagt er von sich.

Schon der frühe Film "Fire Works" von 1947 ist richtungweisend für alle folgenden. Er schildert den zu einem choreographischen Ritual stilisierten und ästhetisierten Mord an einem jungen Mann durch eine Gruppe Matrosen. Einflüsse Cocteaus, Buñuels und Eisensteins sind unverkennbar. Wie später gibt es keine Originaltöne und keinen Kommentar, nur eine meist bombastische, dramatische Musik, in diesem Fall Respighi.

Auch die wichtigsten Themen Angers sind schon angeschlagen: Sexualität und Gewalt, Virilität in all ihren Erscheinungsformen, Verzerrungen und Exzesse, Faschismus und Tod; später kommen Rausch und Drogenkult hinzu, die Leidenschaft für Magie und Okkultismus, eine breite Skala der Grenzbereiche zwischen Kunst, Kitsch und Subkultur.

Anger ist Mitglied der von dem Engländer Aleister Crowley begründeten Sekte "Thelema"; sie verehrt Luzifer, den Jahwe vertrieb. Das mag als morbider Unfug wie zunächst viele Filme Angers selbst erscheinen, die oft eher als ein Akt der Befreiung von eigenen Obsessionen anmuten – zumal sie sich einerseits hemmungslos dem Reiz- und Schauwert des Phantastischen und Makabren ergeben, andererseits sich ganz mit dem Dargestellten identifizieren und die eigene wie des Betrachters Distanz restlos aufzuheben trachten. (Für die bessere Aufnahme von "Inauguration of the Pleasure Dome fordert Anger sogar zum LSD-Genuß auf.)

Aber dieser Eindruck täuscht. Das betäubende Sinnenfest der Filme von Anger offenbart sublime analytische Qualitäten gerade in dem Maße, wie man sich zunächst überrollen und einnebeln zu lassen bereit ist: Verborgenes, Unterdrücktes, Verdrängtes und Unterbewußtes drängt sich vor; psychische Vorgänge, schwer definierbar und rationalisierbar, werden freigelegt; heimliche Mythen, Kulte und Ideologien machen plötzlich ihre gefährliche Wirksamkeit und Präsenz sichtbar. Diese Orgien erfüllen offenbar eine sehr bewußt intendierte klärende Funktion.

Oft wird das deutlicher im Einzelbild als in Szenen und Abläufen. Eine Haltung oder Geste, technische Geräte, Details im Dekor bekommen Fetisch-Charakter; das zwischen die Schenkel geklemmte Schutzblech, der waagerecht durchs Bild getragene Weihnachtsbaum, die Entzündung des Feuerwerkskörpers in der offenen Hose, der weiße Staubwedel auf einem blitzenden Autokühler, das Anlegen einer Ledermontur sind Symbole für männliche Potenz, Brutalität und Homosexualität. Den Helden seines berühmtesten Films, "Scorpio Rising", nennt Anger einen "Thanatos in Chrom und schwarzem Leder und platzenden Jeans"; der Rocker sieht sich selbst als Spiegelung seiner Vorbilder Brando, Dean, Hitler und einiger Comic-Helden; der homoerotische Sabbath seiner Band ist seine vorweggenommene Todesfeier und wird in Beziehung gesetzt zur Männergemeinschaft der SA oder der Jünger um Christus.