Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Januar

Noch immer ist es für Bonn ein Rätsel, welche Motive und Umstände Präsident Sekou Touré bewogen haben, die in Guinea lebenden Westdeutschen des Landes zu verweisen. Die gegenseitigen Beziehungen waren zwar stets etwas labil, galten im ganzen aber als erträglich, ja normal.

Höhepunkte freundschaftlicher Verbundenheit bildeten die Besuche Tourés in der Bundesrepublik in den Jahren 1959 und 1964 und die Gegenvisite von Bundespräsident Lübke 1962; ein Tiefpunkt war der Anlauf Guineas zur Anerkennung der DDR im Jahre 1960, den Touré freilich schon zwei Wochen später rückgängig machte, so daß die Verstimmung bald verflog. Als die Handelsvertretung der DDR in Guinea im Herbst 1969 in ein Konsulat umgewandelt wurde und der westafrikanische Staat ein Jahr später die DDR vollends anerkannte, reagierte die Bundesregierung zwar mit Bedauern, übte aber Zurückhaltung. Tourés Bannstrahl gegen die Bürger der Bundesrepublik in seinem Lande kam völlig unerwartet.

Über Radio Conakry verbreitete Guinea als Begründung für den Hinauswurf: die Verwicklung von Westdeutschen in die Invasion aus Portugiesisch-Guinea im November letzten Jahres, Spionagetätigkeit, Provozierung innerer Unruhen. Dieses alles wird in Bonn als "purer Unsinn" bezeichnet. Tatsächlich hat Guinea für seine pauschalen Beschuldigungen noch nicht einen einzigen konkreten Beweis vorgebracht. Auch Botschafter Lankes, seit zwanzig Monaten in Conakry, hat zur Auflösung, des Rätsels wenig beitragen können.

In Bonn herrscht die Annahme vor, daß Sekou Touré mit seiner Kampagne vor allem von innerpolitischen Schwierigkeiten ablenken wolle. Seit Jahren muß er wirtschaftliche Fehlschläge und finanzielle Schwierigkeiten hinnehmen. Die Folge ist immer wieder aufflackernde Opposition. Für die Sündenbockthese spricht, daß der Präsident in seiner Neujahrsansprache alle ausländischen Missionen vor "subversiver Tätigkeit" gewarnt und für dieses Jahr eine "Generaloffensive gegen imperialistische Einflüsse und illegitime Privilegien" angekündigt hat. Die beschworene Gefahr eines neuen Imperialismus und Kolonialismus soll, wie man annimmt, die Unzufriedenheit im Lande dämpfen und zugleich die Säuberungen in der engsten Umgebung des Präsidenten rechtfertigen.

Sekou Touré ist ein impulsiver Politiker, ein Mann, der zu raschen Beschlüssen neigt, die er ebenso rasch wieder revidiert. Das "Ja" und "Nein" binnen 14 Tagen bei dem ersten Anlauf zur Anerkennung der DDR war ein Beispiel. 1961 setzte er den sowjetischen Botschafter unversehens vor die Tür (er ist inzwischen längst zurückgekehrt), 1965 den französischen Vertreter; auch damals war von der Beteiligung an Verschwörungen die Rede.