Mit Auseinandersetzungen über ein gesellschaftspolitisches Programm begann am Montag das traditionelle Dreikönigstreffen der FDP Baden-Württembergs. Ein Sonderausschuß unter Leitung des stellvertretenden Landesvorsitzenden Bangemann hatte einen Ereistufenplan zur sozialen Sicherung des Bürgers ausgearbeitet: 1. eine allgemeine Sockelrente aus Steuermitteln; 2. eine allgemeine Pflichtversicherung mit einer zusätzlichen Sicherung auch für Beamte und Hausfrauen; 3. eine überbetriebliche Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer.

Für dieses Konzept sprachen sich die Jungdemokraten aus. Ihr Landesvorsitzender Klaus Rösch drohte mit "Konsequenzen", falls der Plan an den Sonderausschuß zurückverwiesen werde.

Die Mehrheit der Redner verwarf jedoch das Konzept. Der 44jährige Parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Karl Mörsch, wurde von den 400 Delegierten in einer Kampfabstimmung mit 257 gegen 118 Stimmen der "Progressiven" zum neuen Landesvorsitzenden gewählt. Er hatte vor seiner Wahl den Plan als unzureichend, in der "Richtung falsch" und praktisch undurchführbar bezeichnet. Nach neunstündiger Debatte einigte man sich auf den Kompromiß, den Plan samt anderen Beiträgen und Abänderungsvorschlägen der Bundespartei mit der Bitte zu übergeben, auf dieser Grundlage gesellschaftspolitische Thesen zu entwickeln. Mit diesem Entschluß wurde auch die eingeleitete Grundsatzdiskussion um den Begriff "liberal" abgebogen.

Der Parteitag war zudem in der Frage gespalten, ob es zweckmäßig sei, jetzt eine ideologische Grundsatzdiskussion zu beginnen. Der Bestand der Partei sei noch nicht gesichert; es gelte vorerst, mehr pragmatisch als progressiv vorzugehen – eine Mahnung, die von den Jungdemokraten mit dem Vorwurf beantwortet wurde, man benutze sie als "Feigenblatt für eine konservative und reaktionäre Politik".