Nach weltweiten Protesten und Bitten haben Madrid und Moskau Milde geübt: Staatschef Franco wandelte das Todesurteil gegen sechs baskische Separatisten in 30jährige Haftstrafen um. Das Oberste Gericht der Sowjetunion in Moskau hob die Todesurteile auf, die ein Leningrader Gericht gegen zwei Männer wegen versuchter Flugzeugentführung ausgesprochen hatte, und verhängte statt dessen je 15 Jahre Freiheitsentzug.

Dem Gnadenerlaß Francos waren unruhige Tage mit Protest- und Sympathiedemonstrationen vorausgegangen. Aus den baskischen Provinzen wurden sich ausbreitende Streiks gemeldet. Madrid dokumentierte gleichzeitig mit einer neuen Verhaftungswelle oppositioneller Kräfte seine Entschlossenheit, Unruhen um jeden Preis zu unterdrücken.

Die Entscheidung in Madrid fiel nach langen Auseinandersetzungen im Kabinett, in denen sich die Gemäßigten gegen die Militärs und Falange-Mitglieder durchsetzen konnten.

Franco bezeichnete die Gnadenerlasse als ein Zeichen der Stärke seiner Regierung. Seitdem hat sich die Spannung in Spanien gelöst. Das Regime will auch in Zukunft, wie der General in dem üblichen Jahresrückblik bekanntgab, den bisherigen Kurs der Mitte fortsetzen.

Das Moskauer Gericht führte für seine Entscheidung formaljuristische Gründe an. Von den elf Angeklagten hatten sich sieben als Juden bezeichnet; die Urteile waren deshalb in aller Welt als Ausdruck eines sowjetischen Antisemitismus angeprangert worden. Auch in Moskau kam es zu Protestaktionen sowjetischer Juden.

Dagegen bezeichnete die Moskauer Presse die Empörung als "antisowjetische Hetze", angezettelt von zionistischen Kreisen, die von Israels "verbrecherischen Aktionen" ablenken wollten. Tatsächlich hat die sowjetische Presse kaum über den Prozeß berichtet und keine antisemitischen Töne angeschlagen.

In Leningrad wurden Mitte der Woche zwei Prozesse gegen angebliche Mittäter und Mitwisser eröffnet. Sie werden aber gleichzeitig weiterer Straftaten beschuldigt. In einem Falle wird einem Mitwisser Desertion vorgeworfen; neun weitere jüdische Angeklagte müssen sich wegen "zionistischer Umtriebe" und Propaganda verantworten.

Moskau hat sehr empfindlich auf den allgemeinen Vorwurf reagiert, es unterdrücke seine jüdischen Mitbürger. In der Sowjetunion soll es etwa 33 Millionen jüdische Bürger geben, von denen 500 000 angeblich eine Ausreise nach Israel wünschen. Erst nach der Revision des Leningrader Urteils verwies die sowjetische Nachrichtenagentur TASS darauf, daß sich alle elf Angeklagten schuldig bekannt hätten. Eine harte Strafe sei ganz im Sinne der Konvention gewesen, die eine Internationale Konferenz gegen Luftpiraterie erst kürzlich angenommen habe.