Von Marie-Luise Scherer

Jonny Letzter spricht deutsch, wenn er ins Schwarze treffen will. Er, Monsieur Letzter, hat aus Hans keinen Jean, sondern einen Jonny gemacht. Das sagt etwas über seine vaterländische Unentschlossenheit aus, darüber, daß ihm der Name Letzter als ererbte Hypothek keine andere Möglichkeit ließ, als ihn der deutschsprachigen Begriffswelt zu entreißen: Hans Letzter, das hieße die Deutschstämmigkeit übertreiben; Jean Letzter, das hieße den geschichtlichen Intervallen zu offensichtlich Rechnung tragen; Jonny Letzter, das war die Lösung für einen Elsässer seines Schlages.

Jonny Letzter hat etwas gegen ein allzu französisches Elsaß. Französisch als nationales Soll, als angebliches Pariser Diktat, lockert bei ihm eine Bemerkung wie diese: "Paris tut die Litt verdumme, wie de Hitler in große Wörter die Litt verdummt hat." Für Jonny Letzter bilden Französisch, Deutsch und Dialekt nur ein besonders großes Sprachmagazin, aus dem man, je nach dem Wunsch zu präzisieren, das stechendste Wort entnehmen kann. Jonny Letzter ist Koch und 25 Jahre alt. Es wäre jedoch falsch, ihn als den Repräsentanten jenes Elsässers zu nehmen, von dem es heißt, Deutschen gegenüber spiele er den blauweißroten Supernationalisten, jedoch gegenüber Landsleuten aus der geographischen Mitte Frankreichs gebe er sich als ein durch Deutschland begünstigtes Zwischenwesen, das mit den Lichtseiten zweier Nationaltäten jonglieren kann.

Bei Gerst in der engen Rue des Frères 7 rotieren die Verpackerinnen: Getrüffelte Gänselebern in großen und kleinen Terrinen, klassisches Format, folkloristisch-bemalte Geschenkterrinen, frisch und zum baldigen Verzehr bestimmt der lange Pastetenblock in Stanniol. Das Straßburger Millionengeschäft verzehrt sich in seiner Endphase fünfziggrammweise. "Leisten Sie sich vernünftige Verrücktheiten zum Ende des Jahres!" steht auf Plakaten.

"Die vernünftige Verrücktheit" gibt sich erstaunlich volkstümlich, so, als sei sie auch dem kleinen Mann geläufig. Foie gras truffé de Strasbourg – in der "einzigartigen, wunderbaren Geschichte" dieser Gänseleber, broschierte Zugabe bei größerer Bestellung, liest man, daß Brillat-Savarin den Anblick der Gänseleber mit dem des Felsens von Gibraltar gleichgesetzt labe und daß dieser Anblick "im Augenblick seines Erscheinens alle Unterhaltungen durch die Überfülle der Herzen, zum Erlöschen bringt... und auf allen Gesichtern allmählich das Feuer der Wünsche entzündet, dann die Ekstase des Rausches ... und dann die vollkommene Ruhe der Glückseligkeit einziehen läßt".

Diesen Überschwang, solche aus dem Bild tretende Kommentare zur Gänseleberpastete leistet man sich heute nicht mehr. Deshalb scheint es werbetechnisch günstig, daß man die Superlative für diese delikate Masse aus dem sehr viel ungenierteren historischen Vokabular beziehen kam. Die Trüffel des Périgord werden "schwarze Diamanten" genannt. Als "schwarze Diamanten" wurden sie um 1790 von Nicolas-François Doyen von der Garonne ins Elsaß gebracht. Und hier in Straßburg hatte es sich dann ergeben, daß Doyen die lukullische Symbiose-Figur des Pastetenerfinders Jean-Pierre Clause werden konnte. Clause nämlich hatte etwa zehn Jahre vor der Französischen Revolution – die Revolution als Datums-Achse dieser noch nicht ganz vollendeten Spezialität wird immer wieder angeführt – eine aus Teig gebackene runde Dose mit Gänseleber gefüllt.