Guinea hat die deutschen Entwicklungshelfer ausgewiesen. Für die etwa hundert Betroffenen kam die guinesische Maßnahme völlig unerwartet.

Der Botschafter der Bundesrepublik, Johann Christian Lankes, wurde von der guinesischen Hauptstadt Conakry nach Bonn zurückgerufen. Die Forderung Sekou Tourés, Lankes abzuberufen, wird in der Bundeshauptstadt als Ausweisung interpretiert. Bundespräsident Heinemann hat dem Verlangen des guinesischen Präsidenten jedoch nicht entsprochen und den Vorwurf zurückgewiesen, Lankes sei in die im November angeblich von Portugal inspirierte Invasion von Söldnertruppen in Guinea verwickelt gewesen.

Die Ausweisung des Botschafters und der übrigen Deutschen steht nicht allein. Vor Lankes wurde bereits der sowjetische Botschafter ausgewiesen, weil er angeblich an einem linksgerichteten Aufstand beteiligt gewesen sein soll; ebenso wurde der englische Geschäftsträger wegen der britischen Rhodesien-Politik des Landes verwiesen; auch der französische Botschafter hatte bereits Ausweisungserfahrungen.

Durch derartige spektakuläre Schritte will die guinesische Regierung offensichtlich vor allem von innerpolitischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten ablenken. Nach Ansicht politischer Beobachter läßt die große Verhaftungs- und Säuberungswelle diesmal darauf schließen, daß Sekou Touré überall, selbst in seiner engsten Umgebung, Feinde vermutet. Zu den Verhafteten gehört auch der Erzbischof von Conakry, Monsignore Raimond Marie.

Sekou Touré kündigte an, alle "Verräter und imperialistischen Agenten zu liquidieren" und etwaige Todesurteile gegen jene Personen, die die Errichtung eines neokolonialistischen Regimes in Guinea versucht hätten, später nicht aufzuheben.

Die Spionagegruppen, so verbreitete Radio Conakry, hättet unter der Führung eines früheren SS-Offiziers gearbeitet, der sich unter den noch festgehaltenen Deutschen befinden soll. In Bonn wird vermutet, daß der Leiter des Jugenddorf-Ausbildungszentrums in Kankan, Hermann Seibold, die Schlüsselfigur in der Ausweisungsaffäre ist. Seibold war bis vor seinem Einsatz in Guinea vor sieben Jahren in der Republik Elfenbeinküste tätig. Es ist nicht auszuschließen, daß er dort Verbindungen zu guinesischen Exilgruppen hatte. Bis zu seiner Verhaftung verband Seibold jedoch ein gutes persönliches Verhältnis zu Sekou Touré.

Die Bundesregierung hat die phantastischen Vorwürfe von Radio Conakry zurückgewiesen. Der Staatssekretär im Bundesaußenministerium, Sigismund von Braun, stellte die Frage, wie Sekou Touré zu seinen "absurden und unhaltbaren Anschuldigungen" gekommen sei. Offensichtlich sei Sekou Touré Einflüsterungen von dritter Seite erlegen und habe auf Grund falscher Informationen gehandelt. Es gilt als nicht ausgeschlossen, daß die DDR, die erst seit September vergangenen Jahres diplomatische Beziehungen zu Guinea unterhält, versucht, die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Guinea zu stören.

Gegen einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen sprach sich der Vorsitzende des Entwicklungsausschusses im Bundestag, der SPD-Abgeordnete Alwin Brück, aus. Eine weitere Entwicklungshilfe, so Brück, hänge jedoch von der Verbesserung der jetzt gestörten Atmosphäre zwischen beiden Ländern ab: "Wir erwarten für unsere Entwicklungshilfe keine Dankbarkeit, aber wir wollen unsere Hilfe auch nicht aufdrängen.