Zum Jahreswechsel gab es für Spaßmacher und Politiker offenbar nur ein Thema – die Konjunktur. Der heitere Beruferater Robert Lembke machte Millionen deutscher Fernsehzuschauer mit einer traurigen Prognose bekannt: Bonns Wahrsagerin Buchela weissage für 1971 einen weiteren Geldwertschwund. Der CDU-Wirtschaftssprecher Gerhard Stoltenberg prophezeite sogar die "unmittelbare Gefahr einer Wirtschaftskrise".

Karl Schillers ehemaliger Staatssekretär Klaus-Dieter Arndt deutet die Zukunft zwar nicht aus den Sternen, sondern wissenschaftlich, dennoch sah auch er keinen Silberstreif am Horizont. Der Staatssekretär a.D. meinte vielmehr: "Wenn man jetzt nicht durchstartet, kann es schlimm werden."

Und in der Tat stehen dem Bonner Wirtschaftsminister schlimme Wochen und Monate bevor. In der SPD-Fraktion fürchtet man bereits jetzt, daß demnächst jenes Schauspiel eine Neuinszenierung erleben wird, das im Frühjahr vergangenen Jahres für die Regierung zu einem glatten Durchfall wurde: Handeln oder Nichthandeln. Freilich sind die Vorzeichen diesmal umgekehrt. Während Karl Schiller für Abwarten plädiert, zeichnet sich in seiner Fraktion eher eine Neigung zur Aktion ab.

Spätestens seit der Vorlage des Jahresgutachtens durch den Sachverständigenrat der "Fünf Weisen" steht der Wirtschaftsminister erneut zwischen "Scylla und Charybdis". Die Fünf Weisen waren sich zwar weitgehend darin einig, daß die Konjunktursignale auf Abschwung geschaltet seien. Uneinigkeit bestand bei ihnen aber darüber, ob die Wirtschaft bereits jetzt schon wieder neuer Anregungen bedarf. Während die Mehrheit für Abwarten plädierte, empfahl der Minderheitsgutachter, Professor Klaus Köhler, ein vorsichtiges Anheizen.

Der Hannoveraner Professor, der in Berlin ein Institut für empirische Wirtschaftsforschung betreibt, stützt sich bei seinen Analysen unter anderem auf die Erfahrungen mit bisherigen Konjunkturzyklen. An Hand umfangreicher Tabellen und Schaubilder glaubt Köhler den Nachweis führen zu können, daß bisher stets zu spät oder zu stark gebremst und zu spät oder zu stark angeregt wurde.

Zu Köhler-Ansichten gelangte auch Schillers Ex-Staatssekretär Klaus-Dieter Arndt – in Bonn unter dem Kürzel Klaudia bekannt –, der unlängst in dem Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der Regierung einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel empfahl: "Eine ungünstige Konjunkturentwicklung ist jetzt nicht mehr auszuschließen. Abwarten kann teuer zu stehen kommen." Recht ungeschminkt wird dem Wirtschaftsministerium in dem Papier vorgeworfen, es frage nicht mehr danach, ob das Ende der Überhitzung erreicht sei, sondern wolle offenbar das Ende des Preis- und Kostenauftriebs abwarten. Nach Arndt läßt sich in der gegenwärtigen Phase die Preisentwicklung aber nur durch stärkere Produktivitätsfortschritte beruhigen und nicht durch bloßes Stillhalten.

Das Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften (WWI) forderte gleichfalls ein rasches Durchstarten: "Es dürfte in den nächsten Wochen und Monaten nicht mehr darum gehen, zwischen Wachstum und Preisstabilität entscheiden zu müssen ..., sondern mit einer prophylaktischen Konjunkturpolitik einer konjunkturbedingten Unterbeschäftigung und Kapazitätsunterauslastung entgegenzuwirken." DGB-Bundesvorstandssekretär Rudolf Hentschel: "Eine Zinssenkung der Bundesbank ist dringend erforderlich, außerdem sollte der Konjunkturzuschlag zurückgezahlt werden. Nur wenn es so abläuft, werden zusätzliche Maßnahmen zum späteren Anheizen der Wirtschaft nicht erforderlich sein."