Von Rino Sanders

Wir erwischten eine Parklücke. Die Kinder, drei und sechs Jahre alt, kurbelten das Wagenfenster herunter und steckten die Köpfe hinaus. Dies war ihre erste deutsche Stadt. Sie leben in Italien. Nach ihrer Gewohnheit strahlten sie die Passanten an, verwunderten sich laut über Dinge, die sie nicht kannten, lachten sich eins, und als sie mit alldem die Außenwelt zu keiner Antwort animieren konnten, machten sie Faxen. Damit aber ernteten sie allenfalls mißbilligende und verweisende Blicke.

Das war ihnen neu; doch es wiederholte sich auf dieser Deutschland-Reise immer wieder. Schließlich zogen sie sich zurück, hielten an sich, blieben bei Begrüßungen Erwachsener abwartend, wollten niemandem mehr so recht die Hand geben und wurden allergisch gegen Tantenküsse. Auch gegen Freundlichkeit verhielten sie sich nun zurückhaltend. Sie merkten, für diese Erwachsenenwelt waren sie nicht vorhanden, es sei denn als Störenfriede. Kehrte sie sich ihnen dennoch zu, so gewiß nicht spontan: Vorsicht tat not.

In Italien dagegen leben sie in einer Welt, die ihnen immer schon zugewandt, die immer ansprechbar ist, in einer Welt, die nicht über sie erhaben ist und in der niemand, und habe er noch so bedeutend Erwachsenes zu tun, wichtiger ist als sie selbst. Kein streßbesessener Manager, dem ein Dreikäsehoch zwischen die zielstrebigen Beine gerät, wird ihn unwirsch beiseite stellen. Er wird innehalten, sich lockern, den Knirps nach Woher und Wohin fragen und ihm einige Caramelle, Bonbons, zustecken, wie jeder Italiener sie in der Tasche hat, nicht zu Zwecken des Loskaufs, sondern wegen der Kontaktpflege mit der Minimenschheit.

Vielleicht bleiben die Italiener dichter dran an dem Aggregatzustand Mensch, der Kind heißt. Es ist hier nicht eine Frage des Alters, des Geschlechts oder der Profession, wie man sich zu den Frischlingen verhält. In der Bundesrepublik werden zu Zwecken positiven Kleinkind-Umgangs spezielle Personen gehalten: Kindergärtnerinnen, Hostessen, Omas. Italia, das kann ich sagen, noch in tutto die magna mater, die große Liebevolle, freundlich Umhüllende der ersten Lebensjahre. Hier setzt sich die Geborgenheit des Mutterleibs zunächst fort. Später wird alles anders; aber seit Freud wissen wir, wie ein für allemal prägend die sechs Anfangsjahre für unsereinen sind, und deshalb scheint es mir der Mühe wert, einmal den Unterschied zwischen beiden Ländern ins Auge zu fassen. Sollte ich dabei leicht übertreiben, so geschieht es der Deutlichkeit halber.

In Deutschland liegt, aller antiautoritären Eliten oder Sekten ungeachtet, immer noch ein Hauch, wenn nicht ein Geruch von Pflicht, Zucht, Ordnung und Gehorsam über der Kinderhaltung. In Italien kann dem Zugereisten das totale Tunund-lassen-Können des Nachwuchses zuweilen an die Nerven gehen. Aber wagen Sie einmal, Ihrem geliebten Schlingel, der trotz oder zum Trotz aller wohldosierten Ansprachen das skandalöse Sauwort zum hundertstenmal hinschmettert, einen moderierten Klaps zu applizieren, bestimmt wird Ihnen sogleich eine sanfte Dame, wenn nicht ein forscher junger Mann in den Arm fallen: „Es ist doch ein Kind.“ Schließlich geniert man sich, solche motorischen Regungen überhaupt noch zu verspüren: Die Italiener könnten sie einem ansehen und den Barbaren erkennen.

Meine Kinder sind blond, Honig und Weizen, und darum hüte ich mich wohl, ihre Erfahrungen blindlings zu verallgemeinern. Meine Kinder können geräuschvoll durch Kathedralen toben – allenfalls wird sie der Küster schsch bei der Har.d nehmen (Lasset die Kindlein zu mir kommen), meine können in stillen Museen hallend Kriegen spielen, die Wärter werden sich um ihre Gunst bemühen – mindestens seit der Renaissance schmücken die Maler Madonna und Bambino Jesu mit heiligscheinendem Blondhaar.