Geht die wachsende Menschheit dem unausweichlichen Hungertod entgegen oder ist in der seit langem kritischen Welternährungslage nun endlich eine Wende zum Guten in Sicht? Die Interpreten des kürzlich veröffentlichten Rechenschaftsberichts „The State of Food and Agriculture 1970“ der „Food and Agriculture Organization“ (FAO) der Vereinten Nationen sind bei der Analyse der offiziellen Daten hinsichtlich der Ernährungslage der Weltbevölkerung offensichtlich zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.

Während einige Kommentatoren auf Grund des FAO-Berichtes ein bedrückend düsteres Zukunftsbild entworfen haben, kommt die britische Zeitschrift „Nature“ bei ihrer Analyse zu hoffnungsvolleren, ja fast optimistischen Prognosen, was die künftige Ernährungssituation der Menschheit betrifft. „Jetzt“, so meint die „Nature“ (12. Dez. 70, S. 1015), „scheint es klar, daß, wenn jahreszeitliche Schwankungen ausgeschaltet sind, die Nahrungsmittelproduktion schneller steigt als die Bevölkerungszahlen.“ Sie verweist dabei auf das erfreuliche Faktum, daß die Pro-Kopf-Produktion an Nahrungsmitteln im Vergleich zu den frühen fünfziger Jahren um durchschnittlich etwa zehn Prozent gesteigert werden konnte.

Hierbei fallen besonders die außerordentlichen Erfolge der Landwirtschaft im Fernen Osten ins Gewicht. Dort wurde innerhalb von drei Jahren eine Zuwachsrate von 14 Prozent erzielt. Freilich ist dies leider nicht die Regel. Vielmehr sind die Auswirkungen der modernen „landwirtschaftlichen Revolution“ in den verschiedenen Gebieten der Erde sehr unterschiedlich. Während sowohl im Nahen Osten als auch im Fernen Osten die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion den Bevölkerungszuwachs übertrifft, ist dieses Gleichgewicht in Lateinamerika noch stagnierend, und in Afrika ist der Trend sogar negativ, hauptsächlich wegen der sinkenden Getreideproduktionsziffern im Norden des Kontinents. Allerdings hofft man, daß in diesem Fall steigende Tierzucht, verbunden mit der modernen landwirtschaftlichen Technologie, befriedigenden Ausgleich schaffen wird.

Alles in allem erscheinen aus dieser Sicht die Zukunftsaussichten für die Menschheit nicht mehr ganz so düster wie noch vor wenigen Jahren. Angesichts der sich jetzt abzeichnenden Wende – sie wird von der „Nature“ vor allem auf das wachsende Interesse der Regierungen der Entwicklungsländer an langfristigen Projektplanungen und neuartigen agrikulturellen Produktionsmethoden, auf die vielversprechende weitere Technisierung der Landwirtschaft und nicht zuletzt auf die nunmehr 25jährige Tätigkeit der FAO selbst zurückgeführt – blickt man vielmehr mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft.

Vier Probleme, so wird betont, sind künftig von besonderer Wichtigkeit:

  • Die Weiterzüchtung und allgemeine Verbreitung von neuartigen zwergigen Hochertrags-Getreidesorten, wie sie vor allem in Mexiko entwickelt wurden, zur weiteren Steigerung des Kohlehydrat- und Eiweißangebots für die Entwicklungsländer.
  • Die gesteigerte Produktion von Fisch- und Pflanzeneiweiß sowie intensivierte Geflügel- und Schweinezucht an Stelle der Rinderzucht, deren Nachteil in der relativ langen Reproduktionszeit liegt.
  • Eine gerechtere Verteilung der bisherigen Handelsprivilegien, die den künftig Überschuß produzierenden Entwicklungsländern einen entsprechenden Absatzmarkt garantiert sowie – last but not least:
  • die Lösung der weitreichenden sozialen und damit auch politischen Probleme, die der Einsatz einer hochentwickelten Technologie in unterentwickelten Ländern zwangsweise nach sich zieht.

Schließlich verweist die Zeitschrift auch auf eine wichtige Tatsache, der bei bisherigen Korrelationen von landwirtschaftlichem Produktionspotential mit vorausgeschätztem Bevölkerungsanstieg oft zu wenig Beachtung geschenkt wurde: „Die Populationsstatistiken, auf denen solche Kalkulationen notwendigerweise basieren, berücksichtigen sehr wenig den Trend, im Verlauf dessen während der vergangenen paar Jahre die Geburtenrate in verschiedenen Ländern zurückgegangen ist.“ Tilman Neudecker