ARD, Dienstag, 12. Januar: „Der Pott“ von Dorst/Zadek nach O’Casey

Während die Vorspanntitel laufen, klebt die Kamera schon unter der Studiodecke und präsentiert das Geschehen aus der Vogelperspektive. Von Anfang an läßt Peter Zadek in seinem jüngsten Fernsehspiel „Der Pott“ keinen Zweifel daran, daß er alles ganz anders machen will als die müden Routiniers der Branche.

Damit auch jedermann merkt, wie progressiv er ist, ließ sich Zadek vom „Jodelle“-Zeichner Guy Peellaert bunte Plastikdekors entwerfen, die allenfalls noch mit dem Adjektiv „popig“ zu beschreiben sind, engagierte einen versierten TV-Ingenieur für die „elektronische Realisierung“ und postierte seine elektronischen Kameras stets so, daß sie die aberwitzigsten optischen Effekte reproduzieren. Am laufenden Band gibt es flotte Vogelperspektiven, dämonische Untersichten, hektische Stakkatomontagen und planlose Kamerabewegungen zu sehen. Wenn ihm optisch partout nichts mehr einfällt, läßt Zadek listig den Ton verzerren oder knallt dem Zuschauer den Choral „Lobet den Herrn“ um die Ohren.

Bild für Bild entlarvt sich der Regisseur im „Pott“ als konsequenter Protagonist einer ebenso größenwahnsinnigen wie antiquierten Ästhetik: Ihm gerät alles zum Kraftakt, kein Effekt wäre zu: billig, als daß er verschmäht würde; von naturalistisch blutigen Grand-Guignol-Einlagen mit abgehackten Gliedmaßen bis zu schmissigen Kabarettchansons (kritisch, ironisch, subversiv) tauchen anthologiemäßig alle Ingredienzien einer aktuellen Machermentalität auf.

Nicht zufällig beruft sich Zadek auf den englischen Regisseur Richard Lester und dessen pazifistische Posse „Wie ich den Krieg gewann“. Mit Lester teilt Zadek nicht nur das Bewußtsein der eigenen Bedeutsamkeit, sondern auch und zumal die fatale Vorliebe für in Unzahl produzierte Gags und Effekte, die sich in der Addition freilich selbst neutralisieren. Wie in einigen seiner Bremer Inszenierungen, wie auch in dem Kinofilm „Ich bin ein Elefant, Madame“ erschöpft sich der Erfindungsreichtum des Regisseurs Zadek in sich selbst, wird ablösbar vom Sujet, steht ihm schließlich im Wege. Da Zadek seinem Material offenbar nicht vertraut, es ihm vielleicht schlicht gleichgültig ist, zieht er immer neue Kaninchen aus dem Hut, um dem Betrachter nur ja nicht jene Distanz zu spendieren, die einen Reflexionsprozeß in Gang setzen könnte. Es ist dies die Methode eines Defraudanten, der immer mehr Schulden macht, um seine Gläubiger in ständiger Verwirrung zu halten.

Die inszenatorische Parforcetour wäre weniger peinlich, wenn sie nicht in einem auffälligen Mißverhältnis zu ihrem Anlaß stünde. Jener hieß einmal „The Silver Tassie“ (1929) von Sean O’Casey und wurde unter den bewährten Händen von Tankred Dorn zum „Pott“, den wiederum Zadek im Rahmen seines privaten Medienverbundes bereits zweimal (in Wuppertal und in Stuttgart) auf die Bühne brachte.

Es handelt sich bei besagtem „Pott“ um eine Antikriegsrevue, zu der fast allen Rezensenten der Name Joan Littlewood einfiel. In seinem naiv planen Pazifismus, der schon O’Caseys Stück auszeichnete und den Dorst und Zadek erstaunlicherweise völlig unangetastet gelassen haben, unterscheidet sich „Der Pott“ nur insofern von „Im Westen nichts Neues“, als Zadeks bunter Gasmaskenoperette die Bescheidenheit von Remarque und Lewis Milestone abgeht. Da wird so markig expressionistisch gegen den Krieg „an sich“ gewettert, als sei der verstorbene Georg Kaiser selbst am Drehbuch beteiligt gewesen, zusammen mit Walt Disney, dessen Inspiration wohl einige bemerkenswert schöne Panoramen im ersten Drittel zu danken sind.

Überhaupt, und das wiederum muß man Zadek zugute halten, ist die Inszenierung sehr bunt und alles andere als langweilig. Wenn man hierzulande schon nicht die klassischen O’Casey-Adaptionen von Alfred Hitchcock („Juno and the Paycock“[1930]) und John Ford („The Plough and the Stars [1936]) sehen kann, ist mir Zadeks naiver Größenwahn immer noch lieber als die tödliche Routine der meisten deutschen Fernsehspiele. Hans C. Blumenberg