Hätte es die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts nicht gegeben, so stünden uns am kommenden Montag, am 100. Geburtstag des Deutschen Reiches, Festlichkeiten über Festlichkeiten bevor, von Paraden Unter den Linden in Berlin bis zu Umzügen dörflicher Feuerwehrkapellen in allen Provinzen. Da die Geschichte aber nun einmal anders verlaufen ist, findet der Gedenktag nur auf dem Papier statt. Auf eine immerhin originelle Weise geschieht dies in dem Kompendium

„Europa und die Einheit Deutschlands. Eine Bilanz nach 100 Jahren“; herausgegeben von Walther Hofer; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1970; 368 S., 35,– DM.

In seinem formalen Aufbau ist dieses Buch eine Variante des Höferschen Frühschoppens: Zwölf Historiker aus zehn Ländern äußern sich zum Thema „deutsche Einheit“, allerdings nicht im Gespräch, sondern in monologischen Expertisen. „Zu Wort kommen“ die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Holland, England, Schweden, Polen, die Tschechoslowakei, Österreich und die Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist ein bißchen fragwürdig, kurzerhand in zwei Sätzen die Autoren der Beiträge und ihre jeweiligen Heimatländer auf einen Nenner zu bringen. Historiker sind weder Regierungssprecher noch Sprachrohre öffentlicher Meinungen. Doch haben sie, bei aller Fachbezogenheit, teil am kollektiven Unbewußten ihrer Nationen. Als Beteiligte, Opfer oder Zeugen geschichtlicher Ereignisse haben diese Nationen Empfindungen entwickelt, die sich in den Darlegungen ihrer gelehrten Söhne niederschlagen – selten als Vorurteil, das sei zur Ehre der Autoren gesagt, aber doch als Stimmung.

Die leichte Beimischung von Gefühl macht das Unternehmen erst so recht reizvoll. Wären alle zwölf Beiträger mit der vermeintlich absoluten Objektivität eines Weltenrichters zu Werke gegangen, so stünde ein Aufsatz für alle, und wir könnten uns mit dem Nachwort des Herausgebers begnügen. Weil aber die Autoren, indem sie historisch-politische Urteile fällen, auch persönliche Standpunkte vertreten, erfährt die Problematik der deutschen Einheit eine menschliche Dimension, die den Leser noch stärker herausfordert, als es das Thema ohnehin tut.

Die ersten neun der zwölf Aufsätze – das Nachwort einbegriffen – erfüllen die Erwartungen nicht, die der Titel weckt. Unwillkürlich bezieht man die Konfrontation der Begriffe „Europa“ und „Einheit Deutschlands“ auf die gegenwärtige politische Situation, auf das innerdeutsche wie internationale Für und Wider einer Wiedervereinigung. Die neun Aufsätze schließen jedoch mit dem Zweiten Weltkrieg ab; ihre Autoren beschäftigen sich mit den fünfundsiebzig Lebensjahren des deutschen Nationalstaates und, hier mehr, dort weniger, auch mit seiner Vorgeschichte.

Es sei davor gewarnt, dem Buch allzu ungeduldig aktuelle Antworten auf aktuelle Fragen abzuverlangen. Doch sie werden gegeben: im Beitrag des Amerikaners Gordon A. Craig, in der Analyse von fünfundzwanzig Nachkriegsjahren, aus der Feder des Westberliner Star-Politologen Richard Löwenthal und im Resümee des schweizerischen Herausgebers Walther Hofer. Die vorhergehenden Arbeiten mit vielen historischen Informationen sind die Folie, von der sich die politische Gegenwart abhebt.

Keiner der Historiker kann das Engagement des Zeitgenossen verbergen. Ungetrübtes Wohlwollen hegt keiner für die Deutschen und ihre Einheit, aber die meisten zeigen doch Verständnis, besonders jene Autoren, für deren Völker Kommunikation mit den Deutschen nicht gleichbedeutend war mit latenter oder konkreter Leugnung der eigenen nationalen Existenz.