Von Kilian Gassner

München

Als er am 12. Juni vergangenen Jahres im Postamt München 2 Postlagerndes auf den Namen Thomas Bachmann abholen wollte und dabei verhaftet wurde, war er glattrasiert und glattgekämmt. Jetzt trägt er wieder die vertraute Barttracht, ist er wieder ganz Fritz Teufel.

Von zwei Uniformierten flankiert, sitzt er auf der Anklagebank des Saales 219 im Münchner Justizpalast und läßt seine Äuglein mal spitzbübisch, mal stechend scharf durch die schmucklose Brille spähen. Der Prozeß beginnt wie gehabt. Vorsitzender bei den Eidesformularien: „Herr Teufel stehen Sie bitte auf!“ – Teufel: „Ich glaubte, es hätte sich inzwischen herumgesprochen, daß der Angeklagte sitzen bleiben darf!“

Man unterließ fast nichts, um die „Genossen“ zu reizen: Schon aus den Vorberichten der lokalen Zeitungen erfuhren sie, daß der Gerichtsvorsitzende Fromme als besonders konservativ gelte, der Staatsanwalt als besonders scharf. Wo sie gehen und stehen, sehen sich jetzt Teufels Gesinnungsfreunde vor und im Justizpalast Polizisten gegenüber. „De scheiß’n sich glei in d’Hosn“, meint lauthals ein Langhaariger, der nach der Leibesvisitation die Sperren zum Gerichtssaal passiert hat. Die Szenerie wirkt schlicht komisch. Freilich, am zweiten Verhandlungstag geht beim Landesbüro Bayern der Deutschen Presseagentur ein Brief der „Tupamaros München“ ein, in dem die Freilassung Teufels gefordert wird, und innerhalb von 24 Stunden wird zum zweitenmal ein Attentat auf einen Polizeistreifenwagen mit selbstgebastelten Sprengkörpern gemeldet. „Die Polizei hält es für möglich, daß die Anschläge mit dem Teufel-Prozeß in Zusammenhang stehen ...“ Am dritten Verhandlungstag wird im Gerichtssaal Bombenalarm gegeben und die Sitzung für über eine Stunde unterbrochen.

Waren es jahrelang „eher Possen denn prozeßwürdige Tatbestände“ (Spiegel), die den 27 Jahre alten Berliner Ex-Kommunarden mit den Gesetzen in Konflikt brachten, glaubte die Münchner Justiz, ihn nun unter die Anklage der versuchten schweren Brandstiftung stellen zu müssen. Fritz Teufel soll im März vergangenen Jahres zwei Brandsätze in Hydrantenanschlußkästen des Münchner Amtsgerichtsgebäudes deponiert haben, „um das Haus zu einer Zeit in Brand zu setzen, wo sich dort Personen aufhalten, nämlich um 12 Uhr mittags“. Ferner soll er, ebenfalls im März, zwei Molotow-Cocktails „in Richtung eines im 1. Stock des bayerischen Landeskriminalamtes befindlichen Fensters“ geworfen haben.

Zunächst: Wer auch immer es tat – es war pure Stümperei. Die Brandsätze im Amtsgericht, so berichtet ein Gutachter vor Gericht, waren gar nicht zündfähig. Beim einen war das Uhrwerk des Weckers nicht aufgezogen, beim anderen die Uhr durch das Packpapier gehemmt und einer der Drähte nicht leitfähig. Niemand hat an den Tatorten Fritz Teufel gesehen. Im Ermittlungsverfahren äußerte er sich zu den Vorwürfen nicht, er verschickte nur Schriftstücke: „... Die Justiz schlägt so lange ins Wasser, bis sie in den Wellen ertrinkt.“ Auf Teufels Spur kam man durch ein am Tatort gefundenes Protestplakat („Feuer unterm Arsch der Imperialisten verkürzt den langen Marsch“), auf dem auf der Rückseite Teile einer durchgedrückten Adresse zu erkennen waren: „... Bachmann, ...ünchen 2, ...lagernd.“ So wurde dieser Bachmann-Teufel zwei Monate später verhaftet. Weitere elf Tage später stellte man bei Untermieter Bachmann, alias Fritz Teufel, in der Münchner Augustenstraße 7 Packpapier von jener Art, in das die Brandsätze gewickelt waren, sowie „etwa zwölf Kleinspuren“ sicher.