Rom, im Januar

So feingesponnen war das Gewebe vatikanischer Diplomatie bei den Änderungen im neuesten Päpstlichen Jahrbuch, daß es der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl auch dann nicht gleich bemerkte, als ihn das päpstliche Staatssekretariat auf die erste kirchenpolitische Konsequenz des deutsch-polnischen Vertrages aufmerksam machen wollte: den Wegfall jener Fußnote, die bisher den Vorbehalt der Kurie gegenüber einer endgültigen Regelung der Diözesangrenzen in den Oder-Neiße-Gebieten markierte. Zugleich verschwunden sind alle Hinweise auf die deutschen Kapitelvikare der polnisch gewordenen Diözesen. Einen von ihnen, Gerhard Schaffran, der in der Grenzstadt Görlitz an der Neiße formell als Breslauer Kapitelvikar fungierte, hatte man bereits (mit schnell erteilter Zustimmung der DDR-Regierung) als Bischof nach Meißen geschickt.

Die Neugliederung der östlichen Diözesen wird zwar erst nach der Ratifizierung des deutsch-polnischen Vertrags in Gang kommen, aber der Vatikan wollte jetzt schon mit einer Geste diese Absicht bekunden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Führungswechsel in Polen gewisse Aussichten auf einen neuen polnischen Modus vivendi zwischen Kirche und Kommunisten eröffnet, an dem jetzt – anders als 1950 und 1956 – der Papst beteiligt sein möchte.

Deshalb war man im Vatikan wenig glücklich darüber, daß Kardinal Wyszynski so schnell und heftig gegenüber der neuen Machtspitze in Warschau auftrat. Der Papst, der sich über Naheliegendes, wie gegen die Ehescheidung in Italien, auch öffentlich äußert, zog es vor, zu den Vorgängen in Polen zu schweigen, denn – so belehrte der vatikanische Osservatore della Domenica eine besorgte Leserin – die Schüsse in den Ostseestädten hätten das „geheime und hinterlistige Wohlgefallen“ vieler Antikommunisten gefunden, die sich als Freiheitskämpfer aufspielten – „vom Schreibtisch aus, versteht sich“. Dem liberalen Corriere della Sera, der die Gefahr einer kommunistisch-katholischen „Republica Conciliare“ in Italien sieht und der die militanten polnischen Bischöfe dem Vatikan als Vorbild empfahl, antwortete eine vom päpstlichen Staatssekretariat selbst entworfene Polemik des Osservatore Romano: Die Mission der Kirche mache „die Begegnung mit jedem Volk, jedem Staat, gleich welches Regime ihn leitet“ möglich, wenn es den Menschen diene.

In Warschau hat man die Zeichen verstanden. Letztes Wochenende kam Artur Starewicz, einziges jüdisches Parteisekretariatsmitglied der polnischen Kommunisten, zu einem Blitzbesuch nach Rom, um im Auftrag der neuen Führungsgruppe gutes Wetter zu machen – nicht nur bei den italienischen Genossen, auch bei den Prälaten der Kurie. Hansjakob Stehle