Die neue Ostpolitik hat sich bereits in einem Schulatlanten der Bundesrepublik ausgewirkt; In der Großen Ausgabe von Westermanns Schulatlas, der soeben in erster Auflage erschienen ist, werden: die ehemaligen deutschen Ostgebiete unverkennbar als polnische oder russische Gebiete gekennzeichnet. In Warschau hat man diese Neuerung sogleich registriert. Allerdings schreibt Sztandar Mlodych mit Recht, Westermanns kühner Schritt entpuppe sich bei näherem Hinsehen „als ein halber Schritt“. Die Grenzlinien auf der Karte „Deutschland – Politische Gliederung und Verwaltung“ sind „nach derzeitiger politischer Zugehörigkeit bis zur Regelung durch einen Friedensvertrag“ eingetragen. Mit diesem Vorbehalt läßt sich der neue Atlas vermutlich auch in zwanzig Jahren noch; gebrauchen. Eben deswegen stellt sich leises Unbehagen ein.

Die neue Karte enthält – das sei rühmend bemerkt – zwei vernünftige Änderungen: Erstens werden die Gebiete jenseits von Oder und Neiße im Farbton als Ausland klar erkennbar. Zweitens sind bei den deutschen Namen in Klammern die polnischen hinzugefügt (Danzig-Gdańsk, Allenstrin-Olsztyn, Breslau-Wroclaw). Aber immer noch ist die Reichsgrenze von 1937 durch eine punktierte Linie hervorgehoben. Das mag die Vertriebenenfunktionäre befriedigen, freilich nicht die Danziger, deren ehemalige Staatsgrenze der Zeichner vergessen hat. Aber warum müssen die Schüler immer noch im Erdkundeunterricht die Vorstellung vergangener territorialer Größe eingehämmert bekommen, so wie man einst ihren Vätern und Großvätern die „blutenden Grenzen“ von 1919 vor Augen geführt hat? Dafür hätte doch die Nebenkarte „Das deutsche Reich 1937“ vollauf genügt.

Im sogenannten innerdeutschen Bereich waren die Herausgeber ebenfalls inkonsequent. Die DDR wird zwar durch eine sogenannte Demarkationslinie von der Bundesrepublik getrennt, aber die mehrfarbige Karte erlaubt auf den ersten Blick die Annahme, die DDR sei ein 12. überdimensionales Bundesland. Erst 54 Seiten weiter, auf der Europakarte, ist die DDR auch farblich als Staat unter Staaten behandelt worden.

Wie schwer sich auch Geographen mit der deutschen Geschichte der letzten hundert Jahre tun, läßt sich an einer Kleinigkeit auf dieser neuen Karte ablesen. Bei allen Nachbarländern ist, genau wie im Fälle Polen, den alten deutschen Ortsnamen jeweils der übliche Landesname hinzugefügt worden (Preßburg-Bratislava, Brüssel-Bruxelles). Nur in Frankreich prangen Straßburg und Mülhausen einsam in der verblichenen Pracht ihrer deutschen Namen. Dafür wird in der Nebenkarte mit den Grenzen von 1937 vermerkt, Elsaß und Lothringen seien „ohne Abstimmung abgetretene Gebiete“. Dieser Hinweis ist korrekt, aber hätte man dann nicht bei der Nebenkarte mit den Grenzen von 1914 bei Elsaß-Lothringen anmerken müssen: „Ohne Abstimmung annektiert?“

Im übrigen kann man über „Westermanns Schulatlas. Große Ausgabe“ (Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1970, 152 Kartenseiten, 18,– DM) fast nur Löbliches sagen. Im Vergleich zur Grundschulausgabe ist die Seitenzahl um 56 vermehrt worden, und das bedeutet erheblich mehr Themen (allein 290 Themenkarten), zum, Beispiel: Landschaftsveränderungen durch Verkehr und Industrie; Umwandlung der Agrarstruktur in der DDR, dargestellt am Beispiel eines Dorfes; Wasserverschmutzung in der BRD; Erholungszentren; Entwicklungshilfe. Die Titelseite ist mit farbigen Apollo-Photos von der Erde geschmückt. Der Atlas ist Nasa-up to date; Er schließt mit Mondkarten und Mondphotos und einem herrlichen Weltraumbild unseres Planeten – daneben „wüst und leer“ im gleichen Maßstab der Erdtrabant. Kj.