Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Januar

Obwohl er eine der schwierigsten und brisantesten Aufgaben versieht, die in Bonn zu vergeben sind, hat er keine Feinde, wahrscheinlich noch nicht einmal Gegner. Rüdiger Freiherr von Wechmar, seit einem Jahr neben Conrad Ahlers gleichberechtigter Sprecher der Bundesregierung und stellvertretender Leiter des Presseamts, hat sich binnen dieses Jahres allenthalben nur Sympathien erworben.

Die FDP, auf deren Konto er beim Koalitionsproporz an der Spitze des Amtes gebucht worden ist, schätzt sich glücklich, ihn gewonnen zu haben, obwohl er ihr nach eigenem Bekenntnis weder angehört noch ihr beitreten will und 1969 die Sozialdemokraten gewählt hat. Die Regierung insgesamt ist mit ihm zufrieden, nicht zuletzt der Kanzler. Die Journalisten, seine unmittelbaren Kontrahenten, mögen ihn. Sogar die Opposition räumt ein, daß sie der Regierungssprecher Wechmar, bei allen Meinungsverschiedenheiten in der Sache, sehr fair behandele. Mehr noch: Selbst in der „Baracke“, dem sozialdemokratischen Parteihauptquartier, dessen Verhältnis zum Presseamt (und umgekehrt) häufig von Wetterleuchten und gelegentlich von Gewittern bestimmt ist, weil man über den richtigen „Verkauf“ der Regierungspolitik unterschiedlicher Ansicht ist – selbst in der Baracke ist über den Freiherrn nur selten ein kritisches Wort zu hören.

Dieser Erfolg liegt zu einem guten Teil an Wechmars freundlichem Wesen, das Spannungen erst gar nicht entstehen läßt. Freilich ist diese Freundlichkeit nicht von der Art, die zu Schulterklopfen ermuntert; Solche Regungen hält er sich mit seiner betonten Höflichkeit vom Leib. Aber beides, das freundliche Naturell und die höfliche Distanz, ergeben eine Verbindlichkeit, die entwaffnen kann. Wenn Wechmar vor die Bundespressekonferenz tritt, das Forum der Bonner Korrespondenten, dann leitet er seine Antworten auf knifflige oder bohrende Fragen oft mit den Worten, „wenn Sie erlauben ...“ oder ähnlichen Wendungen ein. „Krach“, sagt er über sich selbst, „liegt mir nicht; ich bin eher auf Ausgleich angelegt.“

Rüdiger Freiherr von Wechmar will mit sich und der Welt im reinen sein, er kommt auch aus einer heilen Welt. Sein Großvater und Vater waren Berufsoffiziere, auch in der Familie der Mutter war die militärische Tradition stark, und ohne Zweifel hätte auch der Sohn eine militärische Karriere gemacht, wenn er nicht als zwanzigjähriger Leutnant in Afrika in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten wäre und sich die Zeitläufte gründlich geändert hätten. Über seine Vorfahren ist der Freiherr mit dem preußischen, englischen und schwedischen Königshaus, ebenso mit dem russischen Zarenhaus verwandt. Er kommt, nach alten Begriffen, aus einem „guten Stall“; er ist in einem jener „wohlgelüfteten Kinderzimmer“ aufgewachsen, von denen Stefan Zweig einmal schrieb.

Darauf weist auch seine äußere Erscheinung hin: stets sorgfältig angezogen, mit kräftigen Anleihen bei der herrschenden Mode und stets so wirkend, als sei er gerade aus dem Urlaub gekommen. Trotz der physischen Belastung, die fast alle Bonner Spitzenämter mit sich bringen, gelingt dem 47jährigen das Kunststück, den Eindruck hervorzurufen, als sei er unverbraucht, als werde er nie von Depressionen heimgesucht, als kenne er überhaupt keine Stimmungen. In New York, wo er vor seiner Berufung nach Bonn die Informationsabteilung der deutschen Botschaft geleitet hat, nannte man ihn – auch seiner strahlenden blauen Augen wegen – „Bitte Power“.