Von Heinz-Josef Herbort

Rotterdam, im Januar

Eine spärlich besetzte Kirche, lateinisches Hochamt, gregorianischer Choral und vierstimmige Sätze aus dem späten 19. Jahrhundert, lyrische Predigtworte darüber, daß Jesus Christus in der Taufe des Johannes seine Sendung erfahren habe: In der Rotterdamer Bischofskirche St. Elisabeth, in der auch sonst von einem progressiven holländischen Katholizismus wenig zu spüren ist, deutete am vergangenen Sonntag nichts darauf hin, daß es über die Besetzung der Führung dieses Bistums mit dem Kaplan Simonis zu einer neuen Verschärfung im Machtkampf zwischen Rom und der holländischen Kirchenprovinz gekommen ist.

Ein paar Meter weiter sah es schon ganz anders aus. In der Kanzlei in der Mathenesserlaan 464 a laufen immer noch die schriftlichen Äußerungen ein, die sich das Kapitel, die zur Zeit amtierende Rotterdamer Diözesanregierung, von den Gläubigen erbeten hat und die es als Grundlage für die weiteren Verhandlungen benutzen möchte. Noch immer glaubt man hier an die Möglichkeit, mit Hilfe einer Willensbildung von unten nach oben demokratische Prinzipien in die Machtstrukturen der katholischen Kirche einbringen zu können – obwohl das Kapitel in diesem Punkt soeben von Rom eine schallende Ohrfeige einstecken mußte: Mit einem Federstrich machte der Vatikan die holländischen Bemühungen der letzten zwei Jahre zunichte und zerstörte damit zugleich Konzepte für die kommenden Jahre.

Das Bistum Rotterdam, das 1956 aus dem Bistum Haarlem ausgegliedert wurde, galt in den letzten Jahren als eine Art Modell. Unter seinen rund 800 000 Katholiken sind die Arbeiter und kleinen Angestellten in besonders hohem Maße vertreten. Damit stellt sich hier die Frage, wie sich die Kirche an die Welt von heute und morgen anpassen könnte, in ganz spezieller Weise.

Als 1968 der Rotterdamer Bischof Martien Antoon Jansen aus Krankheits- und Altersgründen seinen baldigen Rücktritt ankündigte, beauftragte das Kapitel den „Diözesanen Pastoral-Rat“ (ein aus teils gewählten, teils berufenen Laien und Priestern bestehendes Beratungs- und Mitsprachegremium), die Meinung der Öffentlichkeit festzustellen darüber, welche Eigenschaften ein neuer Bischof haben solle. Knapp 300 000 Fragebogen wurden ausgeteilt. Auf ihnen konnten die Kirchgänger ankreuzen, was aus dem fiktiven überfüllten Terminkalender eines Bischofs gestrichen werden sollte, welche seiner Eigenschaften man für wichtig hielt, wie lange ein Bischof im Amt sein sollte.

Die Auswertung von etwa 80 000 ausgefüllten Fragebögen lieferte das „Profiel van een Bisscbop“. Danach soll ein Bischof vor allem „zuhören können“ (94,3 Prozent), „bereit sein zur Zusammenarbeit“ (93,3), „deutlich einen eigenen Standpunkt einnehmen dürfen“ (91,1), „Fehler eingestehen können“ (90,7), „sich gerne Rat holen“ (85,2). Schon weniger häufig wurden genannt: „in der Öffentlichkeit gut auftreten können“ (76,7), „einen tiefen Glauben haben“ (76,6), „auf die Einheit mit Rom ausgerichtet sein“ (68,2), „in politischen Fragen Stellung nehmen dürfen“ (53,2). 75,9 Prozent votierten für seine Ernennung auf sechs Jahre mit der Möglichkeit einer Wiederwahl, nur 10 Prozent für eine Ernennung auf Lebenszeit. 71,1 Prozent sprachen sich dafür aus, daß der Bischof nicht in einer bestimmten Kirche, sondern in stets wechselnden Pfarreien seine liturgischen Funktionen ausübt.