Hajo Holborn: „Deutsche Geschichte in der Neuzeit“; Bd. I 641 Seiten, 38,– DM; Bd. II 464 Seiten, 38,– DM; Verlag R. Oldenbourg, München und Wien 1970

Hajo Holborn – 1902 in Berlin geboren, Student bei Friedrich Meinecke und Otto Hintze, 1931 Professor an der Berliner Hochschule für Politik, 1933 zur Emigration gezwungen, in den Vereinigten Staaten Professor an mehreren großen Universitäten, nach dem Zweiten Weltkrieg viele Male in der deutschen Heimat, wo er amerikanisches Mitglied des Herausgeberkreises der „Akten zur deutschen Auswärtigen Politik“ wurde und 1969 bei einem Besuch in Bonn verschied – hat noch „Geschichte im universalhistorischen Sinne gelehrt“ (Rothfels) – „räumlich von Rußland bis Amerika, zeitlich von den alten Griechen bis zu den internationalen Beziehungen der Gegenwart, thematisch von der Geschichtsphilosophie bis zur diplomatischen und militärischen Geschichte ..., synoptisch von der Theologie bis zu den Sozialwissenschaften“, wie es in einer Festschrift für ihn hieß, die 1968 unter dem Titel „Responsibility of Power“ verlegt wurde.

Vor mehr als zehn Jahren erschien in deutscher Sprache Holborns „Zusammenbruch des europäischen Staatensystems“, und nun liegen zwei erste der drei Bände seiner „Deutschen Geschichte der Neuzeit“ vor, die in zwei einleitenden Kapiteln bis ins frühe Mittelalter zurückgreift und bis 1945 reichen soll. Man hätte besser mit der Herausgabe gewartet, bis auch der dritte Band ausgedruckt vorliegt – denn er wird zweifellos der interessanteste und wertvollste sein, der die beiden anderen, mindestens den ersten, mittragen muß – derjenige, dessen größten Teil Holborn selbst miterlebt, miterlitten und am wissenschaftlichen Rande des Geschehens auch mitgestaltet hat.

Über die Geschichte dieser seiner „Deutschen Geschichte“ schrieb Holborn im Vorwort zum ersten Band in deutscher Sprache im Jahre 1959, sie sei ursprünglich „für amerikanische Leser in englischer Sprache geschrieben“, zugleich aber „in der Hoffnung begonnen“ worden, „nicht nur ein weiteres internationales Publikum zu erreichen, sondern das Buch vor allem auch deutschen Lesern in einem Augenblick darzubieten, in dem ihr Verhältnis zur deutschen Geschichte unter dem Eindruck der Zeitereignisse von drängenden Fragen verwirrt ist“.

Frau Holborn hat das Werk vorzüglich und mit bestem Verständnis für das Vokabular der deutschen Geschichtsschreibung übersetzt. Aber es ist eben doch zunächst für ein amerikanisches Publikum geschrieben worden, bei dem man um 1950/55 für die deutsche Geschichte nur ein begrenztes Interesse und sehr geringe Vorkenntnisse voraussetzen durfte, geschrieben vor 15 Jahren, als wir uns in Deutschland noch in den Anfängen einer modernen, sozial- und wirtschaftsgeschichtlich bereicherten Geschichtsschreibung befanden und nur über einen recht begrenzten Überblick über die Spezialstudien verfügten. Gewiß, Holborn hat 1929 eine Hutten-Biographie geschrieben und anschließend die Werke des Erasmus zur christlichen Philosophie herausgegeben; er hat dann noch in Deutschland einen Aufsatz über „Protestantismus und politische Ideengeschichte“ und sogar einen über die Schuld am Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Aber das alles ist doch, wenn man es heute betrachtet, „mittlere Generation der Schule von Meinecke“. Die meisten der uns heute bewegenden Fragen an die Geschichte hat sie noch nicht gekannt, allenfalls in Anfängen.

Mit gutem Grund gibt es zu Holborns „Deutscher Geschichte“ kein Quellen- und Literaturverzeichnis, auch keinen Anmerkungsapparat: Beide würden deutlich werden lassen, daß der Verfasser die Nachkriegsliteratur zur deutschen Geschichte nur in Umrissen und höchstens bis etwa 1950 berücksichtigt hat.

Der erste Band entspricht bis über den Dreißigjährigen Krieg hinaus einem unanschaulichen Bericht alten Typs. Erst danach gewinnt die Darstellung von Kapitel zu Kapitel, von Generation zu Generation an Farbigkeit, Breite und Tiefe, an Gesichtspunkten und Urteilen – eben dort, wo in den letzten zwanzig Jahren Holborn selbständig gedacht und geforscht hat. Im zweiten Teil des zweiten Bandes, mit „Liberalismus und Nationalismus 1840 bis 1871“, erreicht Holborn schließlich den Höhepunkt seiner Ausführungen. Da kann er kompetent über die Verbindungen von Politik, Kultur und Wirtschaft untereinander berichten.