Von François Bondy

Auf der Frankfurter Buchmesse liefen sie herum, die „Kneusse“ mit Schnauz und Dächlimütze, denn Beat Brechbühl hat einen Typus schaffen wollen, den man sich merken wird („Zwei Wochen aus dem Leben eines Träumers und Quärulanten, von ihm selber aufgeschrieben“, lautet der betont umständliche zweite Titel), den wir aber weniger an seiner inneren Notwendigkeit oder seiner besonderen Vertracktheit erkennen als an seinen Requisiten, zu denen ein „Klemens“ genannter Koffer, die unverwechselbare Hündin Finette und eine Reihe weniger unverwechselbarer Mädchen und Frauen gehören. Mit denen treibt Kneuss es recht wild, denn manchmal kracht das Bett zusammen, oder die „ineinander Verhakten“ landen auf dem Fußboden. Da Kneuss hundertzehn Kilo wiegt, gehört das offenbar bei ihm zum Risiko der tätigen Liebe.

Kneuss, der einmal Setzer war, wird von einem unsympathischen Drucker namens Eugen Schnaffelmann verfolgt, dessen Frau es jedoch, wie alle Frauen, mit Kneuss gut meint. Warum Schnaffelmann Kneuss durch zwei gedungene Mörder erledigen lassen will, warum diese Mörder, statt es zu tun, seine Finette vergiften und sich mit Kneuss in lange Gespräche einlassen, wird nicht klar. Ermordet wird schließlich der böse Schnaffelmann selber, und in einem letzen Brief von Kneuss wird uns auch offenbart – es wäre nicht notwendig gewesen –, wer das getan hat.

Daniel Keel, der phantasiereiche Gründer des Diogenes Verlages – zu seinen zeichnenden Autoren von Weltrang gehören Paul Flora, Tomi Ungerer, Edward Gorey, Topor – hat sich, gewiß ohne Absicht, ein kauziges Spiel mit den Lesern geleistet. Er brachte nämlich ungefähr gleichzeitig mit dem Roman von

Beat Brechbühl: „Kneuss“; Diogenes Verlag, Zürich; 351 S., 19,80 DM

einen Roman von Patricia Highsmith heraus, „Das Zittern des Fälschers“. Patricia Highsmith hat aber diesmal nicht ihren Markenartikel, nicht einen Thriller geliefert, sondern einen subtilen, handlungsarmen Roman, in dem die spärlichen Thriller-Elemente nur Vexierbilder sind. Brechbühl, der Autor der „Suche nach den Enden des Regenbogens“ und anderer Gedichtbände, bietet hingegen einen massiven, recht unterhaltenden und erfolgreichen „Reißer“.

Nun hat gerade in der Schweizer Prosa der Reißer seinen Rang. Friedrich Dürrenmatt hat außer der „Panne“ noch einige andere ausgezeichnete Kriminalgeschichten geschrieben, die neben Graham Greenes „Entertainments“ bestehen, und vor ihm hat Friedrich Glauser – jetzt bei Dürrenmatts Zürcher Verlag „Die Arche“ neu gedruckt – den „Wachtmeister Studer“ geschaffen und mit ihm viel mehr als bloß eine helvetische Variante des Kommissars Maigret, auch wenn Verwandtschaften vorhanden sind. Nach Glauser und Dürrenmatt ist ein dreißigjähriger Schweizer Erzähler jedenfalls nur traditionsbewußt, der einen Erstlingsroman als „Krimi“ konzipiert. Nur graut Brechbühl vor keiner Schablone des Genies. Da heißt es etwa: „,Tun Sie, was wir sagen, oder wir knallen Sie beide ab!‘ Mit einer tückischen Bewegung hatte Kutscher blitzschnell die Pistole gezückt.“ Und am Ende wird, wie schon gesagt, der Auftraggeber dieser beiden Berufskiller durch einen „Elektrorevolver“ getötet, über dessen Konstruktion wir schon früher informiert wurden. Das war Kneuss’ Geschoß!