Von Karl Dietrich Bracher

Die Reichsgründung stand nach dem Scheitern der liberalen Revolution von 1848 im Zeichen der wachsenden Entfremdung des deutschen Staatsdenkens von der westlich-demokratischen Entwicklung. Eine außenpolitisch bestimmte Einheitskonzeption gewann den Vorrang über innenpolitische Freiheits- und Verfassungsideale. Gewiß entsprach die Sehnsucht nach dem nationalen Einheitsstaat dem Zug der Zeit und nicht zuletzt auch den Erfordernissen politischer und ökonomischer Modernisierung. Aber die Auffassung des Staates als einer übergesellschaftlichen Ordnungsmacht, in deren Namen die Einheit militärisch-autoritär, von oben, nicht über einen Akt demokratischer Selbstbetimmung von unten realisiert wurde, prägte dem „Zweiten Reich“ die Struktur des Obrigkeitsstaats auf. Auch das Bürgertum wandte sich unter dem Eindruck des Bismarckschen Erfolges von der Forderung nach demokratischer Mitbestimmung ab; es adaptierte sich den vordemokratischen Gewalten der Höfe, des Militärs, der Bürokratie, die den ersehnten Einheitsstaat in einer Revolution von oben geschaffen hatten.

Es war eine autoritäre Ersatzlösung für den liberal-demokratischen Nationalstaat. Aber die ökonomische und militärische Macht des neuen Reiches und zugleich die Furcht vor der aufsteigenden sozialistischen Bewegung stabilisierten das System, so tief die inneren Spannungen und Strukturfehler, die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Realität und politischer Ordnung sein mochten. Für die Wandlungen und Erfordernisse der Zukunft erwies sich diese Weichenstellung, die das Ausreifen eines parlamentarischen Parteienstaats behinderte, als letztlich verhängnisvoll.

Am Ende seines Lebens an der Jahrhundertwende hat Theodor Mommsen, selbst einst Bewunderer Bismarcks, die bittere Bilanz gezogen: „Der Schaden der Bismarckschen Periode ist unendlich viel größer als ihr Nutzen, denn die Gewinne an Macht waren Werte, die bei dem nächsten Sturme der Weltgeschichte wieder verlorengehen; aber die Knechtung der deutschen Persönlichkeit, des deutschen Geistes war ein Verhängnis, das nicht mehr gutgemacht werden kann.“ So führte der Weg in die zwei großen Katastrophen, die der lange verdrängten Demokratisierung in Deutschland erst Raum schufen – nun allerdings auf Kosten des Nationalstaats.

Die Katastrophe von 1945 besiegelte das Ende des Reiches von 1871, so betont auch in der Folge zumal die Juristen an dem Axiom der staatsrechtlichen Kontinuität Deutschlands festhalten mochten.

Das bestätigte nicht nur die Verhärtung der deutschen Teilung in zwei fundamental getrennte Staaten, sondern vor allem auch der tiefe Bewußtseinswandel, der sich im Wechsel der Generationen und ihres Erfahrungshorizontes vollzog. Während nach Meinungsanalysen am Anfang der Bundesrepublik (1951) noch 45 Prozent der westdeutschen Bevölkerung die kaiserliche Zeit vor 1914 und immerhin 42 Prozent die Hitlerzeit für die beste hielten, hatte sich das Bild nach einer Periode, die der Lebensdauer der Weimarer Republik entsprach, völlig umgekehrt. Schon 1963 gaben nur noch 16 Prozent der Kaiserzeit, 10 Prozent der Hitlerzeit die Präferenz, während nun zwei Drittel der Westdeutschen glaubten, es sei Deutschland nie in diesem Jahrhundert so gutgegangen wie jetzt – und sich insofern mit dem Teilstaat der Bundesrepublik identifizierten.

Im selben Maße schwand auch die Vorstellung, daß Deutschland seine frühere weltpolitische Rolle als „Reich“ wiedererlangen werde. Sieht man von einer teils rechtsradikalen, teils reaktionären Glorifizierung der Reichsgründung im Stile der Deutschen National-Zeitung ab, so besteht denn auch weithin Übereinstimmung darin, daß die Zeit der Reichsgründungsfeiern endgültig und notwendig vorbei ist. Wer daran zweifelt, ihren positiven Sinn beschwört, der sollte sich erinnern, in welchem Maße solche Feiern in der Weimarer Republik als Vehikel einer antidemokratischen Agitation mißbraucht worden sind.