Von Wolfgang Löhde

Bonn

Für Pjotr Feodorowitsch Borowinskij, dem ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft in Rolandseck, endete das Jahr 1970 mit einer Überraschung. Er wollte eine Bundeswehr-Rakete nach Moskau schicken. Dabei geriet er dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) ins Netz. Hals über Kopf mußte er deshalb Ende des Jahres die Koffer packen und mit seiner Frau Valentina die Bundesrepublik verlassen. Pjotr sitzt jetzt in Moskau, sein Mittelsmann im Gefängnis. Die Rakete liegt bei der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes in Bad Godesberg, und Oberst Schmidt, Chef der operativen Abteilung des ASBW (Amt für Sicherheit der Bundeswehr) in Köln, reibt sich die Hände.

Als reiner Routinefall geriet die Meldung eines Gefreiten bei der MAD-Gruppe in Hannover ins Getriebe. Und niemand ahnte damals, daß am Ende ein ausgewachsener Russe im Netz der Abwehr zappeln würde. Denn was beim MAD einlief, sah keineswegs wie der Anfang eines klassischen Spionagefalles aus.

Der 21jährige Gefreite Horst K. (Name geändert), hatte im Urlaub seinen früheren Arbeitskollegen, den Ex-Soldaten Hans Adolf Walczak getroffen. Walczak hatte mit guten Geschäften aus seiner Soldatenzeit geprahlt: „Ich habe als Soldat mehr als 20 000 Mark bei der Bundeswehr gemacht. Funkgeräte, Kompanielisten und allgemeine Charakteristiken habe ich für gutes Geld verkauft. Ich kenne da jemand, der auch heute noch gut zahlt.“ Das klang alles eher nach Prahlerei. Doch die Prahlerei wurde zum Fall „Eisblume“ des MAD. Die Ermittlungen liefen an.

Die MAD-Gruppe fand heraus, daß im August 1969 das Panzerbataillon 33 in Luttmersen/Niedersachsen den Diebstahl eines kompletten Funkgerätes Typ SEM 25, Wert 13 000 Mark, beim Landeskriminalamt in Hannover gemeldet hatte. Fünf Monate später wurde der Diebstahl einer Anschlußplatte zu diesem Gerät der gleichen Dienststelle gemeldet. In beiden Fällen war die kriminalpolizeiliche Ermittlung leergelaufen. Hans Adolf Walczak aber war zu jener Zeit Soldat beim Panzerbataillon 33 gewesen.

Der Gefreite wurde eingewiesen und für die Abwehr tätig. Er fuhr zu Hans Adolf Walczak nach Bad Godesberg und zeigte sich an Nebeneinnahmen interessiert. Prompt erhielt er von „Eisblume“ den ersten Auftrag. Er sollte Schulungsunterlagen aus dem Kompanieführer-Unterricht beschaffen.