Von Gabriel Laub

Im Rahmen der „Normalisierung und Konsolidierung“ werden jetzt in der Tschechoslowakei nicht nur in der Partei Säuberungen durchgeführt. Auch aus der Literatur und der Kunst kehrt man alles aus, was in den stürmischen Jahren vor und während des Prager Frühlings veröffentlicht wurde und „nichtnormalisierte“ Gedanken enthält.

Entweder ist diese Arbeit so weit fortgeschritten, daß die Wächter über die ideologische Sauberkeit tiefer in die Vergangenheit zurückgreifen müssen, um Stoff für ihre Zensurleistungen zu finden, oder aber es nutzen manche Leute die Gelegenheit, um alte Rechnungen vorzulegen und alten Neid hochzuspielen. Das letztere war wahrscheinlich der Grund für den Angriff auf den Film „Der Laden auf dem Korso“ der Regisseure Jan Kadár und Elmar Klos – den ersten Film einer Ostblock-Produktion, der mit dem amerikanischen Oscar ausgezeichnet wurde – und gegen das Buch, nach dem er gedreht wurde –

Ladislav Grosman: „Der Laden auf dem Korso“, Roman, aus dem Tschechischen von Rudolf Iltis und Günter Deicke; Kindler Verlag, München; 175 S., 10,– DM.

Für das Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Slowakei, Pravda (was „Wahrheit“ heißt), war der im Jahre 1965 hergestellte Film nur ein durchschnittliches, künstlerisch unbedeutendes Werk; den Oscar verdanke er nur dem zionistischen Einfluß in den Vereinigten Staaten; Buch und Film schilderten die Lage in der Slowakei im Zweiten Weltkrieg nicht objektiv.

Der Film war ein internationales Ereignis. Die Behauptung, er sei künstlerisch mittelmäßig, entstammt dem simplen, branchenüblichen Neid.

Anders verhält es sich mit der „Unobjektivität“. Viele Leute in der Slowakei fühlten sich verdrossen, weil Grosmans „Laden auf dem Korso“ menschliche Bedrängnis in einer faschistischen Gesellschaft nicht an deutschen oder meinetwegen ungarischen, sondern an einheimischen slowakischen Beispielen zeigt. Sie wären schon damals gern mit dem Vorwurf der „Verleumdung des slowakischen Volkes“ gekommen, aber in den sechziger Jahren konnte man auch unter Novotny den slowakischen Klerikalfaschismus nicht öffentlich verteidigen. Jetzt kann man es, und die Leutchen sind prompt zur Stelle. Damals, im Jahre 1961, als Ladislav Grosman die erste Variante des künftigen Buches, die Novelle „Falle“, zum Druck angeboten hatte, konnten sie nur ihre Veröffentlichung in der Slowakei verhindern.