Von Heinz Ludwig Arnold

Für das vergangene Sommersemester war in einer Untersuchung aller an bundesrepublikanischen Universitäten angebotenen Veranstaltungen der neueren Literaturwissenschaft festzustellen, daß sich zwar die Themen um Bruchteile mehr als früher der neueren Literatur zugewandt hatten, daß aber die Veranstaltungstypen (Vorlesung, Übung, verschiedene Seminare) dieselben geblieben waren – mit ganz wenigen Ausnahmen. Zum anderen aber zeigte die Praxis, daß manche Seminare und Übungen, auf die Basisgruppen und nun Rote Zellen ihr Interesse konzentriert haben, in Verfahrensdiskussionen erstickt wurden und nur selten neue Methodenansätze entwickelten.

Die Dogmatiker beider Seiten (Lehrer auf der einen, Studenten auf der anderen) haben die Kluft erweitert; zwischen der Alleinunterhaltung durch den Lehrer und dem einseitigen Zerreden durch dogmatische Studenten treibt die breitere Mitte der Seminare dahin.

Für all jene, die daran interessiert sind, neue Rahmenmodelle für Seminare und Übungen zu finden, haben nun vier Münsteraner Psychologen die Ergebnisse eigener Versuche, die mit gruppenpsychologischen Absichten unternommen wurden, vorgelegt:

Manfred Sader/Beate Clemens-Lodde/Heike Keil-Specht/Andrea Weingarten: „Kleine Fibel zum Hochschulunterricht“ – Überlegungen, Ratschläge, Modelle; Elementarbücher, Verlag C. H. Beck, München; 185 S., 9,80 DM.

Die Ergebnisse sind nicht theoretische, sondern durchweg pragmatische, erprobte Modelle, die sich vornehmlich an der Kleingruppenforschung orientieren. Zwei der zentralen Sätze, zwischen denen die Modelle und ihre gruppenpsychologischen Voraussetzungen entwickelt werden, lauten: „Der Lehrer der Zukunft wird seinen Schwerpunkt vom Alleinunterhalter zum Informationskritiker, Moderator oder Organisator verlegen müssen.“ Und: „Aufgabe des akademischen Lehrers ist es nicht, Nacheiferer zu finden, sondern die Studenten möglichst bald zu befähigen, ohne ihn auszukommen

Das sind Positionen, die von den meisten der bundesrepublikanischen Ordinarien vermutlich nicht gern akzeptiert werden. Denn sie setzen voraus, daß die Studenten als Partner anerkannt werden, die den Lehrern im Wissen zwar unterlegen, ihnen im Auffinden kritisch-methodischer Ansätze aber gleichberechtigt sind. Ausgangspunkt der Überlegungen sind Ergebnisse der Motivationsforschung und die Erkenntnis, daß die meisten Studenten von den Schulen als sogenannte „Mißerfolgsmotivierte“ entlassen werden, die „erst lernen müssen, eine angemessene Strukturierung ihrer Zukunft vorzunehmen“. Nur Erfolgserlebnisse und Entscheidungsspielraum aber fördern das Gegenteil der Mißerfolgsmotiviertheit, die „autonome Motiviertheit“.