Von Mario Szenessy

Daß sich Klassiker heutzutage nur noch in den heiligen Hainen der Germanistik oder Romanistik zeigen und frei bewegen dürfen, in den stillen Archivreservaten, die eigens zu diesem Behufe mit undurchdringlichen Stacheldrahtzäunen umgeben werden, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Aus dem Buch der Zitate hoch drei, aus Heissenbüttels „D’Alemberts Ende“, erfährt man, daß wahlverwandtschaftliche Goethe-Töne den sie Zitierenden und seine Zuhörer dazu zwingen, in lautes Gelächter auszubrechen. Unter solchen Umständen fragt es sich, ob es noch einen Sinn hat und verlegerisch vertretbar ist, Gedichte eines anderssprachigen Klassikers ins Deutsche zu übersetzen und herauszugeben. Deutsche Verleger verneinten diese Frage, der Band

Sándor Petöfi: „Gedichte“, aus dem Ungarischen von Martin Remane, herausgegeben von Géza Engl; Corvina-Verlag, Budapest/Roth, Kassel; 320 S., 8,80 DM

ist in Ungarn erschienen. Das heißt: das Buch wird aus den Universitätsbibliotheken Göttingen und Regensburg, aus größeren und mittleren Büchereien der DDR, aus Beständen der Bibliotheken in Moskau, Taschkent, Ulan-Bator und Hanoi auszuleihen sein. Lebte der Herausgeber nicht in der Bundesrepublik, hätte er den Band nicht eigenhändig noch mit einigen Korrekturen versehen und der ZEIT zugeschickt, so hätten es nur sehr wenige erfahren: daß es eine neue Ausgabe der Gedichte Petöfis in deutscher Sprache gibt.

Die „verlegerische Vertretbarkeit“ wurde nur in Ungarn bejaht, und offenkundig hat der Staat die Herausgabe des Bandes finanziert. Die Ungarn gehen für ihre Dichter nun einmal ins Feuer; sie haben es im wörtlichen Sinne 1848 und auch 1956 getan. Im ersten Fall hatte Petöfi sein Gedicht „Nationallied“ vom Aufgang zur Ungarischen Akademie der Wissenschaften vor einer zusammengelaufenen Menge deklamiert, worauf die Aufgebrachten die Druckereien und Gefängnisse stürmten, die ersten unzensierten Zeitungen herausgaben und die politischen Gefangenen befreiten. Liest man die neue Übersetzung des Gedichtes (die die beste der möglichen ist), bedenkt man, daß Petöfi ein schwindsüchtig-schmalbrüstiger Jüngling war, der als Schauspieler nie großen Applaus zu ernten vermochte, so erscheinen dem Nichtungarn die Vorgänge am 15. März 1848 in Buda-Pest (damals waren es noch zwei Städte) als unglaubhaft. Sie haben aber stattgefunden, der Dichter wurde Hauptmann und später Adjutant des Generals Bern in der ungarischen Armee, seine revolutionären Gedichte, als Flugblätter’ oder in Zeitungen abgedruckt, mobilisierten die Massen und hätten nicht unwesentlich dazu beigetragen, daß die Armee der Revolution Wien besetzte und Ungarn zum selbständigen /Land wurde, doch gab es schon damals Russen, die eine Armee nach Ungarn entsandten, um den Aufstand niederzuknüppeln; der Dichter fiel in der entscheidenden Schlacht mit. ihnen bei Segesvar. Daß er zur Legende wurde, verdankt er diesem Umstand ebenso wie seinen Gedichten, seiner neuen Art, den Tonfall der Volksdichtung in seinen Liedern erklingen zu lassen und die akademisch-erhabene Weise zu ignorieren.

Petöfi war ein Naturtalent, ein naiver Dichter allerreinsten Schlages. Er hinterließ zwar eine Übersetzung von Shakespeares „Coriolan“, aber das war eher die Arbeit eines Bühnenpraktikers, der mehrere unzulängliche Übersetzungen zu seiner Arbeit benützte; er hatte Gedichte von Beranger gelesen oder doch zumindest Übersetzungen von dessen Gedichten. Er floh mehrere Male aus dem Gymnasium, eine höhere Schule besuchte er nie. In einem Gedicht heißt es: „Ein Hitzkopf bin ich wohl, vielleicht / ein Narr sogar, / tu meist nur, was mein Herz mir rät, / das ist wohl wahr. / Doch geh ich zu, daß auch mein Kopf mir nützt: / Er trägt den Hut, der mich vom Regen schützt.“ Er redete, handelte und dichtete frei von der Leber weg, sein Gedicht „Nach dem Mittagessen“ beginnt mit der Strophe: „Ah, bin ich satt! / Mir ist im Bauch so wohl, / ich frag mich, ob ich nicht / mich etwas ausruhn soll.“ Er dichtete im Stehen und Gehen, er schrieb manchmal an einem Tag ein Dutzend Gedichte, und als er mit sechsundzwanzig Jahren starb, hinterließ er 850 Gedichte und das Märchenepos „Held János“.

Sein durch Studium erworbenes Wissen über Poetik stammt aus den einstigen Lehrbüchern, die er anläßlich seiner kurzen Aufenthalte auf dem Gymnasium in die Hände bekam. Es ist wahrscheinlich diesem Umstand zu verdanken, daß sich seine Gedichte exemplarisch in Gattungen einordnen lassen. wie „Natur-Lyrik“, „Liebesgedichte“, „Vaterländische Lieder“, „Genre-Bilder“ – und daß man an Hand seiner Gedichte diese Begriffe den Volksschülern in den unteren Klassen mühelos beibringen kann.