Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ lassen sich von verschiedenen Seiten her angehen. Einmal ist dieses „Volksstück“ aus den dreißiger Jahren die perfekte Entlarvung des Operetten-Klischees vom singenden, klingenden, walzerseligen Wien, das bekanntlich ein goldenes Herz hat und sein Mutterl liebt. In dieses Klischee, so zeigt Horváth, hatten sich seine depravierten Kleinbürger zurückgezogen, um ihre Kläglichkeit und ihre durch die Verhältnisse bedingten Gemeinheiten überleben zu können.

Das ist sicher, der wichtigste Zug dieses einzigartigen Stücks. Doch wenn man das Stück von der weiblichen Hauptfigur, der Marianne, angeht, die hier unter die Räder einer erbarmungslosen Gemütlichkeit kommt, dann wird man auch sagen können, daß Horváth Schnitzlers „Süßes Mädel“ in die Inflationszeit übergeführt hat. Es ist gar keine Übersteigerung, zu sagen, daß man in der Marianne Horváths Gretchen erblicken kann. Ihr Schicksal ist nur ganz und gar unfaustisch darauf ausgerichtet, daß ihr all das genommen und ausgetrieben wird, was sie unter all diesen gemütlichen Ungetümen zum Menschen macht. Tragödien enden nicht mit dem Tod, sondern mit der Eingemeindung in die kalte Warmherzigkeit der Gesellschaft.

Es ist klar, daß Horváth nicht mit einer stimmungsmalenden Sentimentalität beizukommen ist. Diese Erkenntnis verdanken wir nicht zuletzt den musterhaften Inszenierungen Hans Hollmanns, also der Stuttgarter „Italienischen Nacht“ und „Kasimir und Karoline“ in Basel. An der Düsseldorfer Inszenierung der „Geschichten aus dem Wienerwald“, die mit ihren geduldigen vier Stunden sich in die Nichtdenkpausen der Personen versenkte, weil sie „das Abgründige“ in sich zu entdecken meinen, ließ sich ablesen, wie weit Hollmann inzwischen seine Horváth-Bühne als Ausstellungspark von in Kunst überführter Menschenzoologie versteht. Thomas Richter-Forgachs Bühnenbild, das die Donau in Aquarien filterte und den Walzerkönig als Denkmal gleich mehrfach auf die Bühne postierte, schuf den Raum, in dem sich Hollmanns Fähigkeit, den Figuren mit großen dekouvrierenden Theatergesten Mittel einer scharfen Charakterisierung an die Hand zu geben, auf das glänzendste entwickeln konnte. Aus der Vorliebe des Horváthschen Fleischhauers Oskar (Wolfgang Reinbacher), Personen zur Photographie eines kitschigen Stimmungsbildes gerinnen zu lassen, gewann die Aufführung, die die Nerven des kulinarischen Düsseldorfer Premierenpublikums erheblich strapazierte, eindringliche Bilder geronnener Zeit und gefrorener Posen der Gefühlsduselei und Gemeinheit, der Heurigenseligkeit und Brutalität, des sentimental drapierten Egoismus.

Das Klischee als soziale Verhaltensnorm konnte damit perfekt entlarvt werden. Aber wie gesagt, Horváths Stück ist auch ein Stück der Marianne. Und wenn Hollmann im ersten Teil auch ihre Gefühle in pure Kleinmädchen-Stimmungsduselei trieb, dann schien mir die Aufführung dabei zu übersehen, daß Horváth gerade den Sentimentalitäten dieses Mädchens den Gehalt der Wahrheit gibt. Anders als in der „Kasimir und Karoline“-Inszenierung waren also zumindest im ersten Teil der Düsseldorfer Aufführung falsche Stimmung als notwendige Aufrichtigkeit in einer verkehrten Welt nicht in dem notwendigen Gleichgewicht. Veronika Bayers Marianne war hier ebenso wie die anderen Figuren eigentlich nur einem mitleidlosen Durchschauen ausgesetzt. Hollmanns Stil schien dann in einer zeitlupenhaften, gestochenen Vorführung von Horváths Basiliskenblick für das Banale, Schäbige, Böse einzufrieren. Das Stück wurde misanthropisch, was es auch ist, wenn man die Menschen stärker für die Verhältnisse als die Verhältnisse für die Menschen verantwortlich macht.

Hellmuth Karasek