Von Theodor Schieder

Das Jahr 1866 war vielleicht ein größerer Einschnitt als die Jahre 1870/71. Der Sieg Preußens beendete ein Jahrtausend der deutschen Geschichte, die bis dahin immer, zuletzt noch im Deutschen Bund, im Zeichen übernationaler Ideen gestanden hatte. Von einer Universalität konnte man allerdings schon lange nicht mehr sprechen: Das Heilige Römische Reich war auf die Gebiete „deutscher Nation“ zusammengeschrumpft, und in der deutschen Bundesakte wird vom Bundesgebiet als von „Deutschland“ gesprochen.

Aber der nationale Machtstaat unter preußischer Hegemonie, der seit 1866 heraufgeführt wurde, war etwas qualitativ anderes, er war die Vereinigung des staatlichen partikularen Machtprinzips, der letzten dynastischen Hausmachtschöpfung der deutschen Geschichte, mit dem Nationalitätsprinzip, eine höchst unvollkommene und problematische Vereinigung zweier an sich konträrer Tendenzen, die aber schon in Frankfurt 1848/49 noch als einzige „realistische“ Möglichkeit für die Lösung der deutschen Frage übriggeblieben war.

Dies alles ist hundertfach in gelehrten Geschichtswerken, in Schulbüchern, in populären Verherrlichungen des Werkes Bismarcks und seiner Helfer gesagt worden. Die Vorstellung von der deutschen Nationalgeschichte als einer „Einbahnstraße“ der Geschichte hat sich dadurch im Bewußtsein mehrerer Generationen festgesetzt, und wer noch ein Stück Geschichte des Kaiserreichs miterlebt hat oder auch später in den zwanziger Jahren von deutscher Geschichte auf Schulen und Hochschulen hörte, wird sich kaum dem Einfluß so selbstverständlich klingender Argumentationen entzogen haben.

Dies gilt nicht nur für die Konservativen, die man erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit den „Nationalen“ gleichsetzen kann, es gilt auch für die Liberalen, die in Weimar die Republik als „Deutsches Reich“ weiterführten und mit der „großdeutschen“ Erweiterung durch Deutschösterreich etwas ganz anderes schaffen wollten als die alten großdeutschen Universalisten. Es gilt aber auch in vieler Hinsicht für die Sozialisten, die schon, wie es Engels und Marx taten, die Reichseinigung von 1870/71 als Voraussetzung für die Einigung des deutschen Proletariats und der deutschen Arbeiterbewegung verstanden und trotz Verfolgung und Diskriminierung den sozialdemokratischen „Zukunftsstaat“ mit diesem Reich herbeiführen wollten.

Heute, nach hundert Jahren, erscheinen überall die Bruchlinien des Staates, der im Januar 1871 aus der Taufe gehoben wurde, seine fundamentalen Konstruktionsfehler und Ungleichgewichtigkeiten. Aber von seiner historischen Wirkungskraft her betrachtet, wird man dieses Reich nicht als ein ephemeres Gebilde betrachten können. Es hat die in Preußen angelegte militärisch-bürokratische Machtordnung auf den deutschen Nationalstaat übertragen und diesen in eine Rolle gedrängt, die die gewaltigen Hypotheken vergessen ließen, die auf ihm lagen und die Bismarck nie aus den Augen verloren hatte. Es hat eine enorme ökonomische Dynamik entfesselt und Deutschland unter die führenden Mächte der industriellen Revolution auf der Welt geführt. Untrennbar damit ist die Tatsache verbunden, daß in diesem Reich auch die stärkste sozialistische Arbeiterbewegung entstanden ist.

Uferloser Nationalismus