Kalköfen, Hochöfen und Gasbehälter, Kühltürme, Fördertürme, Wassertürme und Silos – lauter Industriebauten, deren Erscheinungsformen fast ausschließlich durch die Funktionen bestimmt sind und durch die daraus resultierenden technischen Konstruktionen.

Und doch: Seit die Grenzen der Schönen Künste aufgebrochen worden sind und die Ob(ject)-Art in einem Prozeß ohnegleichen die Augen dafür trainiert hat, dergleichen Gebilde und Gebäude bewußt wahrzunehmen, werden nicht nur Schiffe und Flugzeuge mit ihrer physikalisch perfekten und oft deswegen eleganten Form als schön empfunden, sondern auch so sperrige und unbewegliche „Großgeräte“ wie Kühl- und Fördertürme. Gestern noch als moderne Störenfriede in alten Stadtsilhouetten gebrandmarkt, werden sie heute als ästhetisch komplettierende Skulpturen zur Kenntnis genommen und sogar gepriesen.

Das Buch, das zu solchen Überlegungen veranlaßt, heißt „Anonyme Skulpturen“. Es besteht vor allem aus Photographien, die Bernhard und Hilla Becher in europäischen Industriegebieten gemacht haben. Ihre Kommentare sind bare Information; in ihnen erfährt man, welchen Zweck diese Anlagen haben und wie sie funktionieren, nicht mehr, aber auch nicht weniger, sie sind vollkommen kongruent mit der photographischen Mitteilung. Das dokumentarische Unternehmen macht ein so großes ästhetisches Vergnügen, daß man sich beileibe nicht nur fragt, was denn eigentlich noch häßlich sein soll, sondern: ob Industriebauten, nach einer solchen photographisch-aseptischen Prozedur von jeglichen lästigen Begleiterscheinungen gereinigt, hier nicht in ein schönes Elysium transportiert und neutralisiert worden sind. Zweifel also sind unvermeidbar und gewiß auch tunlich, wenn man diese anonymen Skulpturen wie Skulpturen betrachtet, wie künstliche Gebilde. Dann ist man auch schon in der richtigen Position: Es sind Denk-Male der Industrialisierung, Zeugnisse einer bestimmten Wirklichkeit und ihrer Wirtschafts- und Sozialgeschichte und deshalb in ihren charakteristischsten Exemplaren erhaltenswert.

Das Buch, das sich überraschend gut verkauft, ist übrigens das einzige, dessen Klappentext im nicht vorhandenes Vorwort darstellt und das karge Nachwort komplettiert (Art-Press, Düsseldorf; 200 Abb., 48,– DM). Manfred Sack