„Der Riß der Zeit geht durch mein Herz“ von Hertha Pauli. Hertha Pauli, in Österreich durch etliche Romane und ein Buch über Beriha von Suttner bekannt, mußte im März 1938 Wien verlassen. Die abenteuerliche Flucht nach Paris, später nach dem Süden Frankreichs und über Spanien nach den USA wird in diesem Erlebnisbericht sehr lebendig erzählt. Vor dem Krieg betrieb sie in Wien eine literarische Korrespondenz und setzte sich darin vielfach für deutsche Emigranten ein, darunter für Walter Mehring. Die Tage, da in Österreich das Pendel von Schuschnigg zu Hitler umschlug, werden nicht so sehr als Welthistorie denn als privates Erleben der schon einmal Geflüchteten gezeichnet, die tun ein zweites Mal ihre Koffer packen müssen. Ein wenig fatal wirkt sich hier der Hang der Autorin zum Zitieren aus, denn berühmte Hitler-Werte und Nazi-Lieder werden falsch zitiert, und da kann man nur hoffen, daß wenigstens alles übrige stimmt. Am dichtesten wird ihre Schilderung dort, wo es um zwei Dichter geht, die ihr persönlich nahestanden und in ihren Pariser Tagen tragisch zugrunde gingen. Joseph Roth hielt an seinem Kaffeehaustisch, nahe dem Luxembourg, Hof und beschrieb Blatt um Blatt, ständig ein Wasserglas voll Slibowitz vor sich. Er brach zusammen, ehe noch Hitler nach Paris kam. Und mit Ödön von Horváth war Hertha Pauli eng befreundet. Die Umstände, unter denen er während eines Mai-Gewitters von einem Baum am Rond Point der Champs-Elysees erschlagen wurde, sind schon in der landläufigen Uberlieferung unheimlich genug. Die Details, die Hertha Pauli berichtet, fügen dem noch weitere Züge hinzu. So die Gestalt eines Betrügers, der hier als Begräbnisunternehmer auftritt und den Dichter beisetzt, sich hernach aber in Nichts auflöst wie eine Horváth-Figur. (Paul Zsolnay Verlag, Wien; 270 S., 20,– DM) Otto F. Beer

„Bleib Mensch, Genosse“, Satiren und Grotesken von Michail Soschtschenko. Soschtschenko (1895–1958) ist nicht, wie die Herausgeberin Grete Willinsky meint, der vermutlich letzte Satiriker der Sowjetunion. Denn noch lebt Katajew, es lebt Iskander, und andere kommen gewiß nach. Aber Soschtschenko ist ein Musterbeispiel dafür, wie schwer es Verfasser von Satiren zuweilen haben: Was ist Übertreibung, Verfremdung, Erfindung, Zerrspiegel, Groteske auf der einen Seite, was vom Autor imaginierte Wirklichkeit auf der anderen Seite? Wo hört der Scherz auf, wo beginnt der Ernst? Am Leben Soschtschenkos ist die Unsicherheit seiner Zeitgenossen vorzüglich abzulesen. 1939 wurde der Autor noch mit dem Orden des Roten Banners der Arbeit dekoriert, sieben Jahre später wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und zum Teil verboten, seit 1958 wieder gedruckt. Daß Soschtschenko bei der wiederholten Ausgabe verschiedene Geschichten veränderte und bedauerlich abschwächte, deutet weniger auf tadelnswerte Nachgiebigkeit des Verfassers als auf den fatalen Druck der Umwelt. Soschtschenko, von E. T. A. Hoffmann, Gogol, Leskow und Tschechow beeinflußt, beschrieb in seinen Kurzgeschichten Beobachtungen aus dem sowjetischen Alltag. Er bediente sich souverän der Alltagssprache, auch der Sprache der Halbgebildeten (das Parlando wird in Willinskys Übersetzung gut getroffen), und zugleich des Stils tagtäglicher Propaganda in Presse und öffentlichen Reden. Die Beiträge des vorliegenden Buches sind auch für Deutsche, und auch heute noch, sehr lesenswert, wenn der mit dem Leben in der Sowjetunion nicht Vertraute auch hier und da einen Schlüssel braucht, um unterscheiden zu können, was Erfindung, was Wirklichkeit ist oder war.