Angela Davis, eine 26jährige farbige Philosophie-Dozentin, hochbegabte Schülerin Herbert Marcuses, Vorkämpferin der „Black Power“-Bewegung und Mitglied der Kommunistischen Partei, ist in Kalifornien wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht gestellt worden. Sie soll mittelbar an einer blutigen Gefangenenbefreiung beteiligt gewesen sein, beteuert jedoch ihre Unschuld. Der schwarze Schriftsteller James Baldwin hat aus Europa einen offenen Brief an die Angeklagte gerichtet:

Liebe Schwester,

Du siehst so unsagbar verlassen aus – so einsam wie etwa jene jüdische Hausfrau im Güterwaggon auf der Fahrt nach Dachau oder wie irgendeiner Deiner Vorfahren, als sie, in Jesu Namen aneinandergekettet, in ein christliches Land gebracht wurden.

Ich bin wohl zwanzig Jahre älter als Du. Was uns unterscheidet, scheint mir dies zu sein: Eine ganze, neue Generation von Menschen hat ihre Geschichte neu eingeschätzt, in sich aufgesogen und sich in einem ungeheuerlichen Kraftakt davon befreit, um niemals wieder das Opfer zu sein. Es mag merkwürdig klingen, unentschuldbar und gefühllos, so zu einer Schwester im Gefängnis zu sprechen, die um ihr Leben kämpft, um unser aller Leben.

Ich versuche hier nur klarzumachen, daß Du nicht Deines Vaters Tochter in derselben Weise bist wie ich meines Vaters Sohn. Grundsätzlich waren die Erwartungen, mit denen mein Vater und ich dem Leben gegenübertraten, dieselben. Die Hoffnungen seiner und meiner Generation deckten sich, und weder der große Altersunterschied noch der Umzug vom Süden nach dem Norden vermochte daran etwas zu ändern, geschweige denn unser Leben lebenswerter zu machen. Denn in der Tat – um die brutale Ausdrucksweise jener Zeit zu gebrauchen,die innere Sprache jener Hoffnungslosigkeit –, mein Vater war eben nur ein Nigger, ein Nigger-Arbeiter und Nigger-Prediger, und dasselbe war ich auch.

Der amerikanische Triumph, und das heißt immer auch die amerikanische Tragödie, bestand darin, die schwarze Bevölkerung bis zur Selbstverachtung zu erniedrigen. Als ich klein war, schämte ich mich meiner selbst. Man hatte mir das beigebracht. Das aber bedeutete auch – unbewußt, gegen meinen Willen –, daß ich auch meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und Schwestern verachtete. In meiner Kindheit brachten sich die Schwarzen jeden Samstagabend in der Lenox-Avenue draußen gegenseitig um. Niemand erklärte ihnen oder mir, daß dies alles so beachbsichtigt war, daß wir wie Tiere eingepfercht wurden, damit wir uns nicht besser als die Tiere fühlen sollten.

Alles war so angelegt, um in uns das Bewußtsein von der Unabänderlichkeit dieser Realität zu stärken. So daß man, wenn es Zeit wurde, sich eine Arbeit zu suchen, innerlich auch bereit war, sich wie ein Sklave behandeln zu lassen, bereit auch, wenn der menschliche Terror anfing, sich vor dem weißen Gott zu verneigen und Jesus um Rettung zu bitten. Diesen selben weißen Gott, der nicht imstande war, auch nur einen Finger für Dich zu rühren, Dir zu helfen, Deine Miete zu bezahlen oder Deinem Kind das Leben zu retten.