Von Peter Graf Kielmansegg

Die Katastrophen, die uns vom 18. Januar 1871 trennen, die alle Kontinuitäten zerstört haben und den Akt der Reichsgründung, so wie ihn Anton von Werner gemalt hat, in eine ferne, abgeschlossene Vorzeit zu verweisen scheinen – eben jene Katastrophen verbinden uns auch mit dem 18. Januar 1871, insofern sie – die Bedingungen unserer Existenz vielfältig bestimmend – uns unentrinnbar zu Nachkommen unserer Geschichte machen.

Wer den Weg zum Reichsgründungstag zurück über die Katastrophen des letzten Jahrhunderts deutscher Geschichte geht, dem bleibt keine andere Wahl, als mit einer Härte zu urteilen, die ihn selbst bestürzen mag. Was die Zeitgenossen als die Erfüllung der deutschen Geschichte, als Beginn einer großen und glücklichen Zukunft feierten, erscheint hundert Jahre später als der Beginn eines Prozesses der Selbstzerstörung und Zerstörung Deutschlands, der in die tiefsten Abgründe geführt hat.

Es hat seinen guten Sinn, der Tatsache symbolische Bedeutung beizumessen, daß nur wenige Wochen vor der hundertsten Wiederkehr des Reichsgründungstages in Warschau jener Vertrag unterzeichnet wurde, der den endgültigen Abschied von dem, was einmal der Deutsche Osten war, vollzog. In Warschau, wie auch in gewissem Sinn vorher schon in Moskau, wurde in der Tat das Fazit aus dem letzten Jahrhundert deutscher Geschichte gezogen, das sichtbarste Resultat jenes Prozesses der Selbstzerstörung besiegelt.

In dem apokalyptischen Vernichtungswerk des Nationalsozialismus, über dem der Anspruch stand, eine Wiedergeburt der Nation (was immer darunter zu verstehen sein mag) ins Werk zu setzen, wird die Grundparadoxie der deutschen Geschichte seit der Gründung des Zweiten Reiches in ihrer extremsten Zuspitzung deutlich. (Es ist nichts anderes als die gesellschaftliche Erscheinungsweise dieser Paradoxie, daß in der Regel die das größte Unheil über Deutschland gebracht haben, die selbstgerecht für sich in Anspruch nahmen, die einzigen Patrioten zu sein.)

Vom Prozeß der Selbstzerstörung, seiner schaurigen Vollendung durch den Nationalsozialismus sprechen, heißt unvermeidlich, falsche – nämlich viel zu undifferenzierte – Vorstellungen von den Kontinuitäten in der deutschen Geschichte wecken oder unterstützen. Die Gründung des Reiches hat nichts determiniert; der Weg in den Ersten Weltkrieg war so wenig von 1871 an vorherbestimmt wie das Unheil des Nationalsozialismus. Schon deshalb nicht (um einen von vielen Gründen zu nennen), weil Deutschlands Schicksal viel zu sehr in internationale Entwicklungen – bis hin zur Weltwirtschaftskrise in den Spätjahren der Weimarer Republik – verflochten war, als daß so simple Zurechnungen statthaft wären. Aber durch die Gründung des Reiches, so, wie sie sich vollzog, sind doch Bedingungen gesetzt worden, die fortwirken in allem, was folgte: in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, durch Krieg und Niederlage hindurch bis in den Zusammenbruch der ersten deutschen Republik und den Triumph des Nationalsozialismus hinein.

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