Der Fall des Belgrader Schriftstellers Borislav Pekić

Von Peter Urban

Zu den erklärten Prinzipien des „Bundes der Kommunisten Jugoslawiens“ gehört, das Reich der Freiheit nicht (jedenfalls nicht nur) in eine ferne und abstrakte Zukunft zu projizieren, sondern die Gesellschaft bereits auf ihrem Wege in den Sozialismus Freiheiten in einem Maße praktizieren zu lassen, wie es die Parteien der „Bruderländer“ ihrem Fußvolk noch immer nicht zugestehen wollen. Der BdKJ hat sich gegen autoritäre Funktionärsherrschaft ebenso festgelegt wie gegen das bürgerliche Mehrparteiensystem: Die Arbeiterselbstverwaltung könne, theoretisch, Demokratie in einem höheren Grade und direkter verwirklichen, als es im bürgerlichen Parlamentarismus möglich ist; daß sich die Praxis dieses Systems noch im Anfangsstadium befindet und „bürokratische Strukturen“ es auf breiter Ebene boykottieren, wird auch offiziell nicht bestritten.

Der Fall, von dem zu berichten ist, demonstriert, was man sich unter „bürokratischen Strukturen“ im Extremfall vorzustellen hat; er macht verständlich, warum sich Jugoslawiens linke Studenten im Zusammenhang mit der politischen Justiz ihres Landes so oft an Kafka erinnert fühlen. Was jedoch dem Belgrader Romancier Borislav Pekić widerfahren ist, grenzt – gerade wenn man sich die allgemeinen Ziele der jugoslawischen Gesellschaft vergegenwärtigt – ans nur noch Irrationale.

Stille vom Amt

Pekić schildert den Vorfall in einem Brief so: „Am fünfzehnten Mai (1970) bekam ich einen im europäischen Sinne ziemlich unkonventionellen Besuch (insofern, als er mir vor 6 Uhr morgens abgestattet wurde). Zu dieser nachtschlafenden Zeit also besuchten mich die Organe des Innenministeriums und entzogen mir den Paß und damit auch die Möglichkeit zu reisen. Der Paß wurde mir entzogen auf Grund eines Beschlusses, der auf einem besonderen Punkt des Gesetzes im Zusammenhang mit dem sogenannten Diskretionsrecht beruht. Das bedeutet, daß mir weder direkt gesagt wurde, was ich getan habe, noch daß die Behörden überhaupt verpflichtet sind, es mir zu sagen. Die allgemeine Formel lautet: „aus Gründen der Sicherheit und der nationalen Verteidigung.’“

Diese Nacht-und-Nebel-Aktion hatte ein schriftliches Nachspiel; Borislav Pekić machte umgehend von seinem Einspruchsrecht Gebrauch, und ebenso prompt kam die Ablehnung seiner Beschwerde, auch sie – ohne Begründung. Und seitdem herrscht Stille vom Amt.