Paris, im Januar

Wird in Bougival, dem Seine-Städtchen nicht weit von Paris, bald der Park abgeholzt und das Haus abgebrochen werden, in dem Iwan Turgenjew seine letzten Jahre verbrachte und starb? Nicht nur Russen der alten Emigration pilgern zu diesem Ort, sondern auch sowjetische Besucher. Dies gab den Behörden die Idee ein, die fünf Hektar große Besitzung der russischen Botschaft anzubieten. Kaufen die Russen nicht, so besteht die Gefahr, daß ein Unternehmer moderne Häuser auf diesem Terrain errichtet, das mit seinen alten herrlichen Bäumen der rechte Platz ist, einen anderen russischen Dichter zu zitieren: „Nur ein Barbar kann soviel Schönheit in den Ofen stecken. Der Mensch ist aber mit Schöpferkraft begabt. Er soll vermehren, was ihm gegeben wurde, und hat doch immer nur zerstört. Es gibt immer weniger Wälder, die Flüsse vertrocknen, das Wild verschwindet, das Klima wird rauher, die Erde ärmer und häßlicher von Tag zu Tag...“

Welch hellsichtiger Dichter im Jahre 1897 doch dieser Tschechow war! Mit Zitaten dieses Dichters kann Robert Poujade, wenn er will, seine Reden schmücken: der soeben ernannte Chef eines neuen französischen Ministeriums, des „Ministers de l’Environement“, Eine solche Behörde für den Umweltschutz gibt es nicht allein schon im deutschen Staate Hessen, sondern auch in England, dort freilich eher als ein Verwaltungsinstrument für Koordination. Das französische Umwelt-Verbindungs-Ministerium aber wird Aufgaben an sich ziehen, die bisher anderen Ministerien, wie denen der Kultur, der Landwirtschaft, der industriellen und wissenschaftlichen Entwicklung, zugeteilt waren. „Und ich werde über einen Etat verfügen“, so sagte Poujade, „der es mir erlaubt, wirklich zu handeln und durchzugreifen.“

Robert Poujade, mit 42 Jahren einer der jüngsten Minister im neuen Kabinett, hat eine glänzende Karriere hinter sich. Er war „Normalien“, also Angehöriger der prominenten Eliteschule in Paris, träumte davon, Archäologe zu werden, und wurde Professor der Literatur in Dijon. De Gaulle hat ihn mächtig angezogen. In den drei vergangenen Jahren war er Generalsekretär der gaullistischen Partei. Wichtig ist, daß der Staatschef viel von ihm hält: der gelassene Pompidou, der wütend wird, wenn Bäume sinnlos abgeschlagen werden.

Noch ist seine Rede in Erinnerung, die er am 1. März in Chicago hielt: „Man muß seine Stimme erheben, um eine neue Moral zu predigen, eine ‚Umweltmoral‘, die den Staat, die Verbände, das Individuum verpflichtet, jene Grundsätze zu respektieren, die uns vor einer Welt schützen, in der wir keine Luft mehr bekämen!“ Übrigens hat derselbe Pompidou, als er das Umweltministerium schuf, gezeigt, daß Frankreichs Präsidialsystem intakt ist. Er wollte dieses Ministerium und duldete keinen Einspruch.

In der Tat ist das neue Ministerium, obwohl kaum existent, schon so populär, daß die Regierung in Bonn gut daran täte, dem französischen Beispiel zu folgen. Nur stark genug müßte eine solche Behörde sein, beispielsweise so stark, daß, wenn der Minister wollte, sogar die Erinnerungsstätte an Turgenjew in Bougival erhalten bliebe.

Joseph Müller-Marein