Von Jürgen Werner

Pädagogen und Psychologen brauche man für die Führung eines Bundesligavereins, denn primär handle es sich um Probleme der Menschenführung – so die landläufige Meinung. Inzwischen sind vor allem Ornithologen im Gespräch, um auf dem schmalen Grat zwischen Profit und Pleite zu balancieren. Geier und Kuckuck werfen symbolische Schatten auf die Patina ansetzenden Pokale renommierter Klubs. Die Bundesliga zeigt im achten Jahr ihres Bestehens Verfallserscheinungen, deren Ursachen so komplexer Natur sind, daß die unterschiedlichen Kassandrarufe vieler Pessimisten sich fast immer bestätigten. Die Argumente – sportliche Stagnation, mangelnder Komfort in den Stadien, die Konkurrenz des Fernsehens und die hohen steuerlichen Belastungen der Vereine – sind tatsächlich stichhaltig und werden dennoch von Deutschlands Fußballbossen zu undifferenziert gesehen.

Die Euphorie der Gründerjahre der Bundesliga läßt die Realität der Gegenwart besonders trist erscheinen: Millionenumsätzen stehen Millionenschulden gegenüber. Die Rezession ist unaufhaltsam und eine konzertierte Aktion der Vereine nicht in Sicht. Maßhalte-Appellen der Vereinspräsidenten auf gemeinsamen Sitzungen und Rütli-Schwüren stehen die Fakten gegenüber: Die Gesamtschuldenlast aller Bundesligavereine hat die Elf-Millionen-Grenze Bundesligaten. Eintracht Frankfurt, seit Bestehen der Bundesliga ihr Mitglied, reich an Tradition, aber arm an sportlichen Erfolgen und daher Tabellenletzter, zeichnet allein für etwa zwei Millionen, Schalke 04 für über eine Million verantwortlich. Der HSV zahlt jährlich 100 000 Mark Bankzinsen für Kredite, die kurz- und mittelfristigen Verbindlichkeiten von Hannover 96 überschreiten ebenfalls die Millionengrenze.

Fast alle bezeichnen ihre Lage euphemistisch als ernst. Die angeführten Beispiele könnte man beliebig erweitern, wobei man Umwandlungen von Darlehen in Höhe von einer halben Million und mehr durch die Stadt – wie in Kaiserslautern oder Gelsenkirchen bei Schalke 04 – in Schenkungen nicht einmal berücksichtigt hat. Die Stadtväter ersetzen Idealismus durch Ideologie: "right or wrong – my club". Nach diesem Motto handeln die Verantwortlichen trotz Rütli-Schwur, sich keine Spieler abzuwerben oder die Ablösesummen, die an den verkaufenden Verein zu zahlen sind, in Grenzen zu halten. Der Deutsche Fußballbund (DFB) setzte 100 000 Mark als Höchstgrenze fest. Gehen die Forderungen darüber hinaus, muß der Bundesligaausschuß, ein Gremium, bestehend aus Vertretern der Bundesligavereine und des DFB, die Summe genehmigen oder im Konfliktfall eine Entscheidung treffen. Kriterien für den Verkaufswert der Spieler bilden dabei Spiele in der Nationalmannschaft, Auswahlspiele und die subjektive Beurteilung des Vereins.

Die Praxis der letzten Jahre ergab eindeutig, daß die vom DFB festgesetzten Orientierungsdaten – wie etwa auch die an den Spieler gezahlten Jahresleistungsprämien ("Handgeld") von maximal 20 000 Mark – nicht das Maximum, sondern das Minimum bedeuteten. So zahlte der HSV für die beiden neuen Spieler Klier von Villingen 08 und Bonn vom Wuppertaler SV insgesamt etwa 400 000 Mark, eine Investition, die in keinem Verhältnis zur Effektivität der beiden steht. Der eine – als Pendant zu Uwe Seeler gedacht – versagte, der andere blieb schwankend in seiner Form. Es geht hierbei nicht um die Frage, daß Prognosen über Qualifikation und Effektivität von Spielern in neuer Umgebung äußerst schwierig sind – solche Entscheidungen sind nicht nach objektiven Maßstäben zu treffen wie etwa bei einem 100-Meter-Läufer für die Staffel, der 10,3 sec gelaufen ist –, sondern um die Fragwürdigkeit solcher Summen überhaupt. Die Relation zwischen Leistung und Gegenwert ist rein spekulativ. konkret ausgedrückt bedeutet es, daß im Falle des Spielers Klier mit etwa 200 000 Mark eine Leistung honoriert wurde, die im Extremfall nie erbracht werden muß: Paradoxie in der Fußballindustrie.

Das von allen Vereinen immer wieder apostrophierte Existenzminimum erreicht somit Dimensionen, die nur von fiktiven Soll-Zuschauerzahlen ‚finanziell auszufüllen sind. Es vergeht nicht eine Pressekonferenz, auf der nicht die Differenz von Ist- und Soll-Besuch der Fußballspiele beklagt wird. Um diese Differenz möglichst gering zu halten, investieren die Vereine, da nur der Erfolg und die Attraktion einer Spitzenposition in der Bundesliga den Besuch garantieren, Bleibt beides aus, muß neu investiert werden: ein circulus vitiosus.

Eine Freigabe der Ablösesummen, wie vom Präsidenten Bayern Münchens, Neudecker, gefordert, das heißt ihre Höhe den Gesetzen der freien Marktwirtschaft zu überlassen, wäre ohne eine Umstrukturierung der Vereine nicht denkbar. Wie in England müßten die Vereine in kommerziell betriebene Wirtschaftsunternehmen umgewandelt werden, die von Unternehmern mit voller Verantwortung und unter persönlichem Risiko geführt werden. Die Rentabilität ist das erste und einzige Kriterium für ihre Leistung. Unsere Vereine besitzen nur ehrenamtliche, abwählbare Vorstandsgremien, deren Verantwortung nur für ihre Amtsdauer gilt, sofern keine kriminellen Delikte vorliegen. Die Erben übernehmen oft nur noch Fragmente einstiger Strukturen.