Von Dieter Buhl

Seine Reise um die halbe Welt verlief nicht ohne Schwierigkeiten, aber sie verhalf Edmund Muskie zu einem Rekord: Er sprach während seines Aufenthaltes in Moskau länger mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin als jeder amerikanische Politiker vor ihm. Das Dauergespräch von vier Stunden vermittelte dem demokratischen Senator nicht nur Informationen über Ansichten der Sowjetführung und die Gewißheit, daß sie ihm Interesse entgegenbringt. Es gab ihm auch die Genugtuung, zumindest in einer Hinsicht erfolgreicher zu sein als Richard Nixon, der 1967, in ähnlicher Mission unterwegs, vergeblich an die Tore des Kremls gepocht hatte. Edmund Muskie kann die Hebung seines Selbstgefühls, die dieser Vergleich erlaubt, sicher gut gebrauchen. Denn Richard Nixon ist Präsident, Muskie will es erst noch werden.

Gemäß der Tradition amerikanischer Präsidentschaftsaspiranten zog es den Senator aus dem Bundesstaat Maine ins Ausland. Was früher für die Sprößlinge königlicher Häuser galt, ist heute für jeden Politiker, der den Weg ins Weiße Haus einschlagen möchte, zur Selbstverständlichkeit geworden: sich in der Welt umzusehen und dabei Profil zu gewinnen.

Die Profilsuche führte ihn nicht nur nach Moskau. Edmund Sixtus Muskie hatte sich auch noch andere schwierige Etappenziele ausgewählt. So unternahm er das für einen amerikanischen Politiker derzeit nicht abwägbare Wagnis, innerhalb von wenigen Tagen bei der israelischen und der ägyptischen Führung vorzusprechen. Daß er sowohl in Jerusalem als auch in Kairo eine gute Figur machte, spricht für sein diplomatisches Geschick. Es offenbarte sich in einer bei ihm außergewöhnlich schlagfertigen Weise, als er einem israelischen Studenten auf die Frage, was er denn in Kairo von sich geben werde, antwortete: "Wie schon Adlai Stevenson sagte, ich kann es kaum erwarten, mich selber zu hören."

Während seines abschließenden Kurzbesuches in Bonn bewies er schließlich nicht nur seine neuerworbene Standfestigkeit auf internationalem Parkett, sondern auch seinen bereits bekannten Mut zur eigenen Meinung. Nach seinem Gespräch mit Brandt befürwortete er eindeutig dessen Ostpolitik, die inzwischen auch in den USA nicht mehr unumstritten ist. Doch Muskie ging noch weiter. Er gab zu, daß er seine Ansichten zu einem baldigen Abzug der US-Truppen aus Europa nach seiner Unterredung mit Brandt noch einmal überdenken muß.

Bei vielen seiner Kollegen im Senat wird Edmund Muskie mit diesem Bekenntnis nicht auf Beifall stoßen. Besonders nicht bei dem Führer seiner Fraktion, Mike Mansfield, der der eifrigste Apologet eines radikalen Abzugs ist. Doch Muskie kann es sich inzwischen leisten, auch den Mächtigen in seiner Partei zu widersprechen. Denn spätestens seit dem 2. November des vergangen Jahres gehört er selber zu ihnen. An diesem Vorabend der Zwischenwahlen offenbarte der Mann aus Maine in einer Fernsehansprache an die amerikanische Nation seine politischen und menschlichen Tugenden: Verläßlichkeit, Ruhe, Abgewogenheit des Urteils und Integrität. Sein Appell an die Besonnenheit der Amerikaner stand in auffallendem Gegensatz zu dem vorhergehenden Versuch Richard Nixons, in einem hektischen Schlußgalopp den Demokraten die innere und äußere Misere Amerikas anzulasten und damit noch Stimmen einzufangen.

Das gute Abschneiden der Demokraten bei den Wahlen hat Muskie recht gegeben. Die Mehrheit seiner Parteifreunde sieht in ihm seither das Zugpferd, das die Demokratische Partei wieder aus dem Sumpf der Zerrissenheit und Machtlosigkeit herausführen kann.