Von Marcel Reich-Ranicki

Hätten wir von Thomas Mann nicht mehr als die drei Bände mit seinen Briefen – es wäre Anlaß genug, ihn als ein Genie der deutschen Prosa zu rühmen. Und ähnlich würde auch diese Briefsammlung

Joseph Roth: "Briefe 1911–1939", herausgegeben und eingeleitet von Hermann Kesten; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 643 S., 48,– DM

schon ausreichen, um in Joseph Roth eine der liebenswertesten und zugleich erschütterndsten Figuren der Literatur unseres Jahrhunderts zu erkennen. Gewiß, die beiden sind so wenig vergleichbar wie etwa Goethe mit E. Th. A. Hoffmann. Dennoch gibt es einen wesentlichen Aspekt, den ihre Epistolographie miteinander gemein hat.

Oft wurde darüber geklagt, daß das Deutsche – anders als das Englische oder gar das Französische – zwei sehr verschiedene Stilebenen kennt: Hier die Sprache des Alltags und der baren Mitteilung, praktisch und zweckgebunden, dort die der Literatur und des künstlerischen Ausdrucks, nicht selten weltfremd und nach dem Höheren strebend. Auf diese fatale Zweigleisigkeit spielt Roth in einem Brief von 1925 an: "Deutsch ist eine tote Sprache, wie das mittelalterliche Latein. Es wird nur von Gelehrten und Dichtern gesprochen ... Wir gleichen Missionaren, die lateinisch zu Heiden sprechen, um sie zu bekehren

An den Abstand, der die zwei Stilebenen trennt – und der übrigens heute viel kleiner ist als noch in den zwanziger Jahren –, erinnert uns häufig die Korrespondenz gerade der hervorragenden Schriftsteller. Indes gehören Thomas Mann und Joseph Roth zu den wenigen, die diese Kluft zu überbrücken wußten: Sie schrieben ihre Briefe fast in dem gleichen Idiom wie ihre Romane und Erzählungen. Nur daß Thomas Mann seine vollendet-preziöse Kunstsprache auch im Alltag anwandte, während Roth sich seiner anschaulich-exakten Alltagssprache zugleich in seinen Kunstwerken bediente. Daher spricht aus der Korrespondenz Thomas Manns immer und vor allem der Epiker und Ironiker und aus den Romanen Roths stets auch der leidenschaftliche – Epistolograph und der Fanatiker der direkten und klaren Kommunikation.

Wenn aber Thomas Mann je bereit war, sich zu enthüllen und zu entblößen, dann höchstens in seinen epischen Arbeiten, nie in seinen Briefen, jedenfalls nicht in den bisher veröffentlichten. Für Roth gilt das Umgekehrte: Seine Romane lassen stets nur einen Teil seiner Persönlichkeit erkennen, wogegen sie in Briefen ganz und gar zu finden ist.