DIE ZEIT

Heinemanns Sicht

Hundert Jahre Deutsches Reich – dies heißt eben nicht einmal Versailles, sondern zweimal Versailles, 1871 und 1919, und dies heißt auch Auschwitz, Stalingrad und bedingungslose Kapitulation von 1945.

Ulbricht reizt aus

Etwa drei Stunden dauerten die Berlin-Gespräche der alliierten Botschafter am Dienstag, kaum länger hielt sich am vorigen Freitag der DDR-Staatssekretär Kohl bei seiner Bonner Visite im Palais Schaumburg auf.

Patrouillen im Osten

Gerhard Schröder in Moskau, Rainer Barzel in Warschau – und beide Patrouillenreiter sind rechtzeitig zurück zum CDU-Bundesparteitag in der nächsten Woche.

Rache statt Recht

Was der guinesische Staatspräsident in seinem Land inszeniert, ist schlichte Lynchjustiz. Sekou Touré rief erst die Ortsausschüsse seiner Partei, dann die Nationalversammlung auf, „ohne Rücksicht auf Gefühle“ und frei von „juristischen Formalitäten“ über die Feinde des Volkes zu richten.

Hände weg vom Waffenhandel

Waffenhandel ist und bleibt ein riskantes, oft schmutziges Geschäft. Viele Privatleute, die mit Rüstungsgütern handeln, leben auch hierzulande zwielichtige Krimi-Existenzen.

Schwarz, Gelb und Weiß in Singapur

In den Restaurants der Luxushotels von Singapur – und deren gibt es hier mehr als in irgendeiner anderen vergleichbaren Stadt – sieht man plötzlich allenthalben elegant gekleidete Afrikaner.

ZEITSPIEGEL

„Hundert Jahre Deutsches Reich – dies heißt eben nicht einmal Versailles, sondern zweimal Versailles, 1871 und 1919, und dies heißt auch Auschwitz, Stalingrad und bedingungslose Kapitulation von 1945.

Es ging nicht nur um Fleischpreise

Am 28. Dezember 1970 veröffentlichte die Danziger Parteizeitung Glos Wybrzeza (Stimme der Küste) einen Dokumentarbericht über den Arbeiteraufstand in den polnischen Ostseestädten Danzig, Gdingen und Elbing.

Mit Hurra auf die Panzer

Danzig, 7.30 Uhr: Die Arbeiter der Danziger Schiffswerft versammeln sich an ihren Arbeitsplätzen. Die Belegschaft von W-3 begibt sich vor das Gebäude der Werftdirektion.

Französische Widersprüche

Wenn der Kanzler Anfang nächster Woche in Paris mit Staatspräsident Pompidou die alle halbe Jahr fällige deutsch-französische Konsultationskonferenz abhält, werden nach langer Zeit die Probleme der westeuropäischen Einigung wieder vor denen der Ostpolitik rangieren.

Der letzte Akt

Moskaus Mühlen mahlen langsam, aber mit unerbittlicher Beständigkeit. Als die sowjetischen Panzer am 21. August 1968 das Prager Experiment mit dem freiheitlichen Sozialismus niederwälzten, war das nur der Auftakt zu einem monströsen, gegen eine Bruderpartei und ein Brudervolk mit gnadenloser Akribie geführten Schauprozeß.

Kampf ums Öl

Das gute Verhältnis zwischen Frankreich und Algerien galt bisher als Beispiel dafür, wie geschichtliche Ressentiments und böse Erinnerung gen überbrückt werden können, wenn es die Interessen beider Seiten verlangen.

Manager gesucht

Wo immer man an Beamtenprobleme rührt, werden Versäumnisse sichtbar. Vor allem die Fragen, die durch die Verlagerung des Schwergewichts von der klassischen Hoheits- und Eingriffsverwaltung auf die Daseinsfürsorge und -Vorsorge aufgeworfen werden, sind bis heute nicht beantwortet.

Wer hat Angst vorm roten Mann?

Am Vorabend eines unbefristeten Poststreiks und mitten in der Auseinandersetzung über das Gewerkschaftsgesetz hat das britische Unterhaus der Ausweisung Rudi Dutschkes eine dreistündige Debatte eingeräumt.

Eine zweite Eiszeit ist nicht in Sicht

Vor kurzem besuchte ein hoher sowjetischer Diplomat San Franzisko und fand bald das Objekt, nach dem er Ausschau hielt: ein Gebäude für das künftige sowjetische Generalkonsulat.

Pilgern zum Reichsahn

Ich hab’ da ’n schweres Kreuz, ist von Prinz Ferdinand von Preußen. Wo soll ich denn da mit hin?“ Der Transportfahrer steht ratheischend an der Stiege, die zu dem Hügel führt, wo Bismarcks Gruft liegt.

Vereinsmeier der Rechten

Wieder einmal wird das Vaterland gerettet vor „moralischem und geistigem Verfall“, vor „Verzichtspolitik im Osten“, vor „zunehmender Kriminalität“ und was dergleichen Parolen mehr sind.

Konflikt um Noelle-Neumann: Ein gewöhnlicher Streit

Deutschlands Befragerin Nummer 1 sieht sich verleumdet, beleidigt und verkannt. Betrübt stellt Elisabeth Noelle-Neumann, Chefin des Allensbacher Instituts und Lehrstuhlinhaberin für Publizistik in Mainz, fest, daß ihre Studenten ihre Lektionen gut gelernt haben: „Kein Dementi holt die Falschmeldung ein.

Veto im „Spiegel“: An die Leine gelegt

Rudolf Augstein wird seinen Spiegel so leicht nicht mehr los: Nachdem er die eine Hälfte seines Verlags zum 1. Januar 1973 seinen Beschäftigten übereignen will, versuchte er jetzt vergeblich, die andere Hälfte zum Objekt von Übernahmeverhandlungen mit dem Hamburger Pressekonzern Gruner + Jahr zu machen.

Guinea: Deutsche angeklagt

Der hektische Versuch des Präsidenten von Guinea, Sekou Touré, mit allen – wirklichen und angeblichen – „Feinden“ seines Regimes abzurechnen, hat einen Westdeutschen bereits das Leben gekostet.

Neue Rechtsparteien

Siegfried Zoglmann, FDP-Flüchtling und Vorsitzender der „National-Liberalen Aktion“ (NLA), und Gerhard Frey, rechtsradikaler Herausgeber der „Deutschen National-Zeitung“, wollen abermals Westdeutschlands Rechte sammeln.

Der Assuan-Damm band Kairo an Moskau

Der „Vater“ des Projektes fehlte, als Ägyptens Staatspräsident Sadat und der sowjetische Präsident Podgorny in der vorigen Woche den Assuan-Damm einweihten: Präsident Nasser hatte noch die Fertigstellung erlebt, aber die Einweihung verschoben.

Polen: Wieder Unruhen

In Danzig, wo die polnischen Dezember-Unruhen ihren Ausgang nahmen, ist es erneut zu Proteststreiks und -aktionen gekommen. Nach wochenlanger Unruhe legten am Montag 3000 Werftarbeiter – nach polnischen Maßstäben die höchstbezahlten Arbeiter – für etwa sechs Stunden die Arbeit nieder.

Berlin-Gespräch ohne Erfolg

Auch das 13. Berlin-Gespräch, zu dem sich die Botschafter der vier Siegermächte am Dienstag in Berlin trafen, brachte keinen greifbaren Fortschritt.

Dokumente der ZEIT

Die Integration der BRD in die Nato und die imperialistische Globalstrategie der USA einerseits und die Entwicklung der souveränen sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik andererseits hat eine immer schärfere staatliche Abgrenzung zwischen den beiden Staaten und Gesellschaftssystemen bewirkt.

England: Stürmische Woche

England hat eine unruhige Woche hinter sich und richtet sich auf turbulente Tage ein. Mitte voriger Woche endete ein Tag britischer Massendemonstrationen gegen die Gewerkschaftsreform mit einem Bombenanschlag auf das Haus des Arbeitsministers Robert Carr.

Nordirland: Aktivität der IRA

Nach drei Monaten relativer Ruhe hat sich die Situation in Nordirland wieder verschärft. Katholiken and Protestanten liefern einander seit der vorigen Woche erneut heftige Kämpfe Etwa 30 Menschen wurden – zum Teil schwer – verwundet; mehrere Gebäude durch Molotow-Cocktails und Sprengsätze beschädigt.

Commonwealth: Die Spannung bleibt

Die Frage britischer Waffenlieferungen an Südafrika droht die 18. Commonwealth-Konferenz, die Mitte voriger Woche in Singapur eröffnet wurde, zu spalten.

Stichwort: die „Scheißliberalen“

In dieser unserer mit Beiträgen von Horst Jappe, Hellmuth Karasek und Herbert Rosendorfer begonnenen, in lockerer Folge erscheinenden Diskussionsserie geht es um die Rolle und das Selbstverständnis jener umstrittenen Personengruppe, der sich auch die Mehrzahl der ZEIT-Mitarbeiter wohl oder übel zuzählt oder zuzählen lassen müßte.

Die Grenzen liberaler Toleranz

Wenn der Vizepräsident der USA, Mr. Spiro Agnew, von radical liberals spricht, führt er Böses im Schilde. Nach gut totalitärem Muster soll durch Amalgamierung ein feindlicher Popanz errichtet werden: Der trägt die Züge sowohl des sanften Eugene McCarthy als auch des wilden Stokely Carmichael.

Professoren-Bund rückt nach rechts

Als der Bund "Freiheit der Wissenschaft" sich formierte, wiesen seine Befürworter darauf hin, hier könne die Rede nicht sein von Konservatismus oder "rechts", hier hätten Liberale von rechts und links sich zusammengefunden, denen es ernst sei mit einer vernünftigen Universitätsreform.

Bund gegen studentische Untaten

Es geht schließlich immer wieder um das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden, zwischen Prüfern und Geprüften

Fernsehen: Schicksale einer Klasse

Der Gedanke ist einfach, die Durchführung reizvoll, das Ziel hoch gesteckt: Man wählt ein altes Klassenphoto aus, verfolgt von damals bis irgendwo (Stalingrad, Breslau, Theresienstadt, Atlantischer Ozean, Krematorium X) oder bis heute die Schicksale der Schüler und sucht am Ende ein Gesamtbild, das Porträt einer Generation, zu gewinnen, das mehr zeigt als die Summe der Teile.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Die leise Kunst der Rumänin, für Mozart und Schubert ähnlich maßgeblich wie zuvor das Klavierspiel Artur Schnabels, ist zum zehnten Todestag der Pianistin in einer billigen 4-Plattenkassette – bislang der einzigen ihrer Art – kompetent zusammengestellt worden.

Melancholische Mythe vom Merz

Man nehme“, so schrieb Kurt Schwitters 1921 in der Zeitschrift Der Ararat, „Zahnarztbohrmaschine, Fleischhackmaschine, Ritzenkratzer von der Straßenbahn, Omnibusse und Automobile, Fahrräder, Tandems und deren Bereifung, auch Kriegsersatzreifen und deformiere sie.

KRITIK IN KÜRZE

„Mamma Lucia“, Roman von Mario Puzo. Der Komparativ von „Mutter“ scheint „Mamma“ zu sein, die italienische Familienmutter, Sklavin und Herrscherin zugleich, Schranke zwischen Sippe und Schicksal, dem sie nur trotzen zu können glaubt, wenn sie mit der gleichen hemmungslosen Gewalt einer Naturerscheinung auftritt.

Straubs Kampf um Rom

Jean-Marie Straub darf sein Heimatland nicht betreten, weil er sich dem Militärdienst in Algerien entzog. Er drehte in Deutschland unter anderem „Machorka Muff“ (1962) und „Nicht versöhnt“ (1965) nach Böll sowie den Musikfilm „Chronik der Anna Magdalena Bach“ (1967); sie gelten bis heute als „umstritten“.

Enno Patalas:: Straub zeigt Realität

Ob meine Sätze nach Französisch klingen oder nach Papua, genau das ist mir scheißegal.“ Deshalb sagt man Antonin Artaud nach, er sei wohl ein bedeutender Theoretiker des Theaters gewesen, aber ein lausiger Schreiber.

Wolf Donner:: Straub macht Kunst

Es wird Zeit, Jean-Marie Straubs aufregenden, revolutionären Film „Othon“ vor den Auslegungen des Regisseurs selber und seiner ehrfürchtigen Anhänger in Schutz zu nehmen.

ZEITMOSAIK

Der Pressereferent des Kultusministers von Baden-Württemberg hielt es für mitteilenswert, sein Minister beabsichtige nicht nur, die „Betragen“-Zensur für Schüler von der zehnten Klasse aufwärts (also beinahe im Wähler- und Bundeswehr-Alter) abzuschaffen.

Filou und Poet dazu

schon ausreichen, um in Joseph Roth eine der liebenswertesten und zugleich erschütterndsten Figuren der Literatur unseres Jahrhunderts zu erkennen.

Einsamkeit, Armut, Tragik

Ann Cornelisen hat 1959 ein sehr hochherziges Abenteuer unternommen, als sie im Auftrag einer amerikanischen karitativen Organisation in einer der abgelegenen Bergstädte Lukaniens ein Kinderheim einrichtete.

Warum kamen die Panzer?

Wer die gegenwärtige Politik der Sowjetunion gegenüber der Tschechoslowakei analysieren will, kommt nicht an der Kernfrage vorbei, die auch dieser Tage noch die Parteiführung in Prag so sehr beschäftigt: Was hat den Kreml am 21.

FILMTIPS

„Land in Trance“, von Glauber Rocha. Der Film hat im Lauf der Zeit (er ist vor drei Jahren entstanden) eine interessante Veränderung erfahren, was die Einschätzung seiner radikalen Manifestation und Polemik angeht Der Film handelt von der Realität und vom Bewußtsein, den Herrschenden und ihren Widersachern und Anhängern in einem imaginären, modellhaften Tropenland anarchischer, bourgeoiser und revolutionärer Verhältnisse und Emotionen zwischen Politik und Kultur.

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