In dieser unserer mit Beiträgen von Horst Jappe, Hellmuth Karasek und Herbert Rosendorfer begonnenen, in lockerer Folge erscheinenden Diskussionsserie geht es um die Rolle und das Selbstverständnis jener umstrittenen Personengruppe, der sich auch die Mehrzahl der ZEIT-Mitarbeiter wohl oder übel zuzählt oder zuzählen lassen müßte.

Es geht um die Liberalen, von jenen, die von ihnen mehr erwartet haben, enttäuscht die „Scheißliberalen“ genannt; um die zaudernden Zwar-Aber-Sager, die damit gleichwohl oft gar nicht schlecht leben; um jene, die revolutionären Er- und Endlösungen mißtrauen, teils, weil sie selber etwas zu verlieren hätten und darum ein gewisses privates Interesse am bestehenden System haben, teils aber auch, weil sie zwar die Ungerechtigkeiten dieses Systems sehen, aber auch von dem Nutzen der großen Gegenentwürfe für die allgemeine Wohlfahrt nicht dermaßen bedingungslos überzeugt sind, daß sie sich einem Aktionismus anheimgeben möchten, der ganz andere Ergebnisse zeitigen, nämlich in eine linke oder eine rechte Diktatur einmünden könnte.

Es ist eine prekäre Position, die von keinem ideologischen Alleskleber zusammengehalten wird, die sich vor Totalerklärungen scheut und vor Antworten auf Fragen, die eher mit Glaubensbekenntnissen beantwortbar sind als mit beweisbaren Fakten, die im Zweifelsfall die Antwort lieber ganz schuldig bleibt, die mit Aktivitäten sparsam umgeht, die sich in ihrem Zögern gern selber bemitleidet und deren Widersprüchlichkeiten leicht zu Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit führen können; oder auch umgekehrt: Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit können sich selber und der Umwelt mit der Ausrede kommen, das sei eben die wahre, die leidvolle Position der Liberalen heute, die nicht anders können als passiv bleiben.

Wir haben dem in Brüssel lebenden Essayisten Jean Améry, dem Verfasser unter anderem der Bücher „Jenseits von Schuld und Sühne“, „Über das Altern“ und „Unmeisterliche Wanderjahre“ (das in diesem Frühjahr im Klett Verlag, Stuttgart, erscheinen wird) die entscheidenden Fragen vorgelegt, ob Liberalismus (oder besser, um Verwechslungen zu vermeiden: Liberalität) heute nicht eigentlich das Gegenteil von duldsamer Passivität, nämlich etwas sehr Radikales zu sein hätte, woher ein solcher radikaler Liberalismus die Kriterien für die Grenzen seiner Toleranz und seiner Aktivität beziehen könnte und ob er nicht notwendig mit sich selber in Konflikt geraten muß. Dieter E. Zimmer