Ob meine Sätze nach Französisch klingen oder nach Papua, genau das ist mir scheißegal.“ Deshalb sagt man Antonin Artaud nach, er sei wohl ein bedeutender Theoretiker des Theaters gewesen, aber ein lausiger Schreiber. Über Straubs Film wird man wieder lesen müssen, die Bilder wären ja ganz schön, aber der Regisseur verstehe sich leider nicht auf Schauspielerführung und Dialogregie, lasse seine Darsteller leiern, vergewaltige die Sprache.

Straub hat Corneilles „Othon“ – ein spätes, schlecht angesehenes, so gut wie nie gespieltes Stück – zum größten Teil auf der Terrasse des palatinischen Hügels, zwischen antiken Ruinen gefilmt. Dem Text hat er dieselbe Treue bewahrt wie Corneille seiner Vorlage: „Das Thema ist dem lateinischen Historiker Tacitus entnommen, der seine ‚Geschichten‘ mit dieser anfängt, und ich habe noch nie eine auf das Theater gebracht, der ich mehr Treue bewahrt hätte und mehr Erfindung geliehen.“ Frühe Geschichte des Abendlandes ist gegenwärtig in den Namen, den Intrigen und den Ruinen.

Ruinen sind hier nicht die historische Kulisse eines Freilichttheaters. Straub hat das zerstörte Rom zusammengebracht mit dem, was Rom zerstört hat.

Wirklichkeit wird hier nicht wiederhergestellt, aber jedes Detail ist in ihr festgemacht. Verschiedene Schichten von Realität überlagern, durchdringen sich, Realität des antiken Rom, des absolutistischen Staates, der kapitalistischen Großstadt. Sie werden nicht trügerisch zusammengezwungen in ein realistisches Spiegelbild, sondern erscheinen als das, was sie sind, Spuren der Vergangenheit.

Sonne und Wind, die in diesem Film genauso wichtig sind wie Wörter, Stimmen und Gesten, reißen die Geschichte in die Gegenwart hinein. Geschichte wird erfahrbar als Vergangenes und in dem, was sie an Zukunft enthielt. „Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!“

Straub hat Corneille nicht von der Bühne heruntergeholt, nicht „an den authentischen Schauplätzen spielen lassen“, wie der Film es so oft mit Shakespeare gemacht hat; Die Terrasse ist eine reale Bühne. Das Parkett könnten die Straßen des heutigen Rom sein. Mit einem Blick auf den Verkehr beginnt der Film. Straßenlärm ist immer zu hören. Der Verkehr zerniert den Hügel, schließt die Bühne ab. Das Volk ist in diesem Spektakel der Macht, dessen Opfer es ist, auf mehr als eine Weise abwesend. Auf den Straßen kann man nicht gehen, nicht sehen, nicht atmen. Nicht anders als oben das Intrigenspiel der antiken Generale und Minister arbeitet unten der Kapitalismus an der Zerstörung Roms.

Gegenwart sind auch die Darsteller. Es sind keine Schauspieler, sie repräsentieren die Figuren nicht, sondern verleihen dem Text Körperlichkeit. Wie sie sprechen, klingt es manchmal mehr nach Papua als nach Französisch. Sie bringen ihren Akzent mit, verschiedene italienische, französische und andere, vor allem aber ihren eigenen, nicht durch eine Schauspielschule gebändigten Rhythmus. Es sind Journalisten, Lehrer, Studenten, Filmmacher (unter ihnen Straub als der Intrigant Lacus), die da sprechen und sich bewegen, Leute, für die das Reden zum täglichen Existenzkampf gehört. Diese Erfahrung bringen sie in den Film ein, man kann sie aus ihrer Intonation heraushören, wenn man sich das Ohr dafür nicht hat verstopfen lassen durch die dressierte Sprechweise von Funk und Fernsehen.