Trotz zwei neuer Hallen in Hamburgs Ausstellungspark Planten un Blomen reicht der Platz nicht für die Deutsche Bootsausstellung international, den größten europäischen Allround-Bootsmarkt (zum elftenmal in Hamburg). Und so mußte wieder einmal auch die Messe-Festhalle als Ausstellungsfläche herhalten. Damit ist die Zahl der Hallen voller Boote und Zubehör in Hamburg auf elf – gewachsen: Das Interesse an Booten nimmt immer noch zu.

Rund zwölfhundert Boote werden diesmal (vom 22. bis zum 30. Januar) ausgestellt, ein Drittel mehr als im vergangenen Jahr. Sechshundert Aussteller aus 28 Ländern haben sie an die Elbe geschafft, sogar aus Singapur. Deutschland, so flüstert man sich rund um den Erdball zu, ist Entwicklungsland im Bootsbau, da kann man noch verkaufen: Das stimmt zwar nur zur Hälfte, denn Deutschland ist sowohl in der handwerklichen Bootsbaukunst als auch in der modernen Massenfertigung von Booten führend auf der Welt. Doch verkaufen kann man trotzdem noch in Deutschland; die Hersteller im Lande können die Nachfrage nicht decken.

– Des Deutschen Hang nach Weite, Romantik und Statussymbol erzeugte das, was man Wasserwelle nannte. Dabei muß jeder glückliche Eigner einer neuen 20 000-Mark-Jacht im ersten besten Jachthafen feststellen, daß er gerade; eben zu den „Käfer-Fahrern“ gehört. Der Drang zur Mittelklasse, die hier bei 50 000 Mark beginnt, ist es denn auch, der das Geschäft florieren läßt.

Einem solchen Durst nach maritimer Freiheit sind Deutschlands enge Gewässer längst nicht mehr gewachsen. So kam es, daß das holländische Ijsselmeer unter den Bootsfahrern am Rhein eher als „Kölner Bucht“ bekannt ist und daß niemand sehnsüchtiger auf die Autobahnverlängerung nach Triest an der Adria wartet als Bayerns und Schwabens Freizeitkapitäne.

Dreiviertel aller Jachten und Boote unter bundesdeutscher Flagge dürften solche zum Segeln sein, aber das Wachstum der Motorbootflotte bleibt keineswegs hinter der Marktentwicklung zurück. Die Umsätze steigen im Gleichschritt mit der Branche, und auch das Aussehen der Motorboote folgt unisono mit den Segelbooten dem Trend auf der Straße: mehr Sportlichkeit draußen, mehr Komfort innen. Doch während in der Automobilindustrie Heere von Konstrukteuren meist über Detailverbesserungen brüten und aufwendige Versuchsstrecken zur Verbesserung der Fahreigenschaften zur Verfügung stehen, ist die bessere Jacht, jene, die besser ist als die anderen, immer noch das Werk eines einzelnen, des? Jachtkonstrukteurs.

„Jeder Anfang ist ein leerer Bogen weißen Papiers“, schreibt Juan Baader, ein über Argentinien nach Neuseeland gewanderter deutscher Konstrukteur, in seinem Standardwerk Motorkreuzer und schnelle Sportboote (Verlag Delius, Klasing & Co, Bielefeld und Berlin), „auf dem ein Traumschiff skizzenhaft, einem Embryo vergleichbar, entsteht. Danach wird die Form in einem sogenannten Linienriß herausgeschält, dessen stromlinienartigen Kurven man mit einer gehörigen Portion von Respekt, beinahe mit Ehrfurcht begegnet...“

Respekt und Ehrfurcht haben es schwer unter den Automobilbenutzern dieser Zeit. Im Fluidum einer Bootsschau jedoch sind sie keineswegs nur als Spurenelemente enthalten. Das mag unter anderem daran liegen, daß das Versuchsfeld des Jachtkonstrukteurs trotz aller Schlepptankhilfen immer noch die offene See ist. Und die läßt weder mit sich spaßen, noch kann man sie mit Meßgeräten bepflastern, die alle Werte aufschreiben – und in einen Computer geben. Baader: „Berechnung allein schafft keine Vollendung in Form und Verhalten, selbst nicht mit Hilfe eines Elektronengehirns.“ Und: „Ohne Scheu kann man versichern, daß neunundneunzig Prozent aller Motorboote und Motorjachten in irgendeinem Punkte verbesserungsfähig sind. Doch fünfzig Prozent sind verbesserungsbedürftig!“