Wer die gegenwärtige Politik der Sowjetunion gegenüber der Tschechoslowakei analysieren will, kommt nicht an der Kernfrage vorbei, die auch dieser Tage noch die Parteiführung in Prag so sehr beschäftigt: Was hat den Kreml am 21. August 1968 zum Einmarsch bewogen? In vielen Publikationen, die seit den Augusttagen in der Bundesrepublik erschienen sind, wurde diese Frage nie befriedigend beantwortet. Einer Lösung näher kommt jetzt

Heinz Brahm: „Der Kreml und die ČSSR 1968–1969“; W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1970; 143 S., 12,80 DM.

Brahm führt die Entscheidung des sowjetischen Parteipräsidiums auf vier Momente zurück:

1. Der Einfluß der tschechoslowakischen Entwicklung auf die oppositionellen Intellektuellen in der Sowjetunion wurde für verderblich gehalten.

2. Der Bericht Ulbrichts über seine Unterredung mit Dubček in Karlsbad am 12. August bestärkte die Sorgen des Kreml.

3. Gomulka befürchtete ein Übergreifen des tschechoslowakischen Experiments nach Polen.

4. Die Kritik, die der rumänische Parteichef Ceausescu am 14. August an der Struktur des Warschauer Paktes übte, ähnelte allzusehr der Kritik des Prager Generals Prchlik.