In London avancierte Christopher Hamptons „Menschenfreund“ zum „Stück des Jahres“. Martin Walser übertrug es dann ins Deutsche, es sollte am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erstaufgeführt werden, aber dann kam die Hamburger Krise, und mit Lietzaus und Wendts plötzlichem Rücktritt verrutschte auch der Erstaufführungstermin. Das Berliner Schloßparktheater konnte dem Schauspielhaus zuvorkommen. Ein so verdienter Theatermann wie Hans Schweikart inszenierte – und das für Hamburg gedachte Kind fiel in den Berliner Brunnen. Eine schlimme Aufführung, Verrisse, verlegenes Rätselraten über den seltsamen Theatergeschmack der Briten waren die Folge.

Unter diesen nicht gerade ermunternden Vorzeichen zog Hamburg nach. Hier inszenierte der relativ „unverdiente“, weil junge Theatermann Dieter Dorn das Stück. Es wurde eine ausgewogene, feinnervige, theaterwirksame Aufführung. Ein Stück wurde glänzend rehabilitiert. Man verstand die Londoner wieder, man verstand, warum Martin Walser sich an diesen Text gemacht hatte. Die Ironie der Angelegenheit will es, daß zudem auch noch Lietzaus Spielplan rehabilitiert wurde. Kaum hatte die Stadt ihn mit Einnahmemäkeleien aus Hamburg fortgegrault, da erschienen mit dem Feydeau und dem „Menschenfreund“ zwei Aufführungen auf dem Spielplan, die – dazu gehört keine große Prophetengabe – die Kasse klingeln lassen werden. So kompliziert, verwickelt, paradox kann es auf dem Theater zugehen.

Wer den „Menschenfreund“, wie ich, zuerst in Berlin sah, bildete und hörte da auf ein etwas verkrampftes Boulevardstück mit einem unausstehlichen, weil nie eingelösten „höheren Anspruch“, der daraus resultierte, daß diese „bürgerliche Komödie“ unter College-Professoren, also unter Intellektuellen spielt. Man hatte jenes mißmutige Gefühl, daß Berufe in Boulevardvergnügungen nur zum Aufputz dienen: Liebe spielt da unter Generaldirektoren, damit Mädchen einen Nerz tragen können. Gedankenaustausch unter Oxfordprofessoren, damit ein Autor Bonmots in der vergammelten Oscar-Wilde-Nachfolge absondern kann. Ein Salon ist ein Salon, eine Party eine Party, man hält Whiskygläser, tauscht Pointen aus, trägt salopp wie ein Dressman legere Kleidung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Daß Christopher Hampton mit dem „Menschenfreund“ auf den „Menschenfeind“ von Molière, mit dem „Philanthropen“ auf den „Misanthropen“ anspielte, wirkte nur wie ein arg feinsinniger, literarisch dünnblütiger Zusatz: Schön, wenn man bemerkte, daß nicht nur eine Autorenlesung in beiden Stücken (wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen) vorkommt, daß die Herzensdame des Helden in beiden Stücken eine böse Zunge über Abwesende führt und daß der Held, ob er nun Freund und Feind der Mitmenschen ist, am Ende sowohl seine geliebte Frau wie auch die ihn wirklich liebende Frau (die an seinen besten Freund) verliert.

In Hamburg war schon diese Molière-Beziehung alles andere als ein blasser Literateneinfall Helmut Griem, der hier die Titelrolle spielte, gab der Rolle ein Gewicht und ein Format, an denen sich einen Abend lang ablesen ließ, was für eine frappante Umkehrungschiffre Hampton da eingefallen ist: wie Molières Held im Zirkel der höfischen Gesellschaft, wo Schmeichelei, Heuchele und Sottisen die Werkzeuge der Selbsterhaltung sind, zum Menschenfeind wird, so avanciert der Universitätsdozent Philipp zum Ärgernis einer geschlossenen Gesellschaft, die scheinbar die totale Aufrichtigkeit und deren Unverbindlichkeit auf ihr Panier geschrieben hat.

Aus dem scheinbaren Boulevardstück wurde ein sehr genauer, sehr melancholischer, sehr weise; Spiegel der Ohnmacht intellektuellen Verhaltens. Der Wortwörtlichkeitswahn des Philologen erwies sich als kränkende Herausforderung einer Gesellschaft und deren Konvention der vorgeblich offenen Worte. Ähnlich wie beim „Menschenfeind“ ist das Ergebnis die Vereinsamung des Helden. Daß dies für Hamptons Stück eine zu pathetische und gleichzeitig eine zutreffende Kennzeichnung ist, macht das Verdienst der ungeheuer exakten, subtilen und komplexen Inszenierung Dieter Doms aus, der vor allem etwas Entscheidendes gelang: zu zeigen, daß „Boulevard“, „Gesellschaftskomödie“ genaue Äquivalente sind, die Lebensgewohnheiten und Auswirkungen von Intellektuellen zu beschreiben: eine Balance mit Wörtern und Gefühlen, die die Ohnmacht erträglich macht, die von ihnen ausgeht.

Wie Molières Stück ist der „Menschenfreund“ keine Handlungs-, sondern eine Charakterkomödie. Es ist also nicht „wichtig“, daß sich ein Dichter im ersten Bild erschießt, nachdem ihm der Menschenfreund allzu Freundliches über sein Stück sagte, daß er ein Mädchen genau dadurch beleidigt, daß er sie nicht beleidigend zurückweisen möchte und daß er die Frau verliert, der er aus Achtung keine Männchen-Stärke vorspielen kann.