Von Klaus Thiele-Dohrmann

Auf dem Spielplan des Zürcher Schauspielhauses stehen "Die herrschende Klasse" und die "Guerillas". Während das Publikum bei der Premiere von Peter Barnes’ Komödie in helle Begeisterung ausbrach, nahm es Rolf Hochhuths Revolutionsvision mit spürbarer Zurückhaltung auf.

– Ein sehr ähnliches Bild bieten dem Besucher die Straßen von Zürich: Mißmutig beschäftigt sich die gepflegte Stadt seit Wochen mit ihrem gärenden Untergrund.

Nach den "Globus"-Krawallen im Mai 1968, die durch ein übermäßig starkes Polizeiaufgebot erst richtig angeheizt wurden und dann für beide Teile, Demonstranten wie Polizisten, nicht sehr rühmlich endeten, war Zürichs unruhige Jugend zwar für eine Weile im Straßenbild kaum mehr unliebsam aufgefallen. Doch um so größer war dafür die Aktivität, die verschiedene Gruppen von Studenten und Jugendlichen "unterirdisch" entfalteten: Aus Flugblättern wurden im Laufe der Zeit handfeste, teils recht naive, teils ansprechende Linkszeitungen; an der Universität bildeten sich Basisgruppen mit dem Ziel einer "Erziehung revolutionärer sozialistischer Intellektueller"; die Aktion "Autonomes Jugendhaus", die schon auf das ehemalige Gebäude des Kaufhauses "Globus" hatte verzichten müssen, verlangte dringend einen entsprechenden Ersatz als Diskussionszentrum – kurz, es war alles so ähnlich wie in vielen anderen europäischen Universitätsstädten auch. Der Bürger sah es zwar mit Stirnrunzeln, vermochte es aber gerade noch zu tolerieren.

Doch zu Beginn dieses Jahres war es vorbei mit der Ruhe. In der Silvesternacht rief ein "Befreiungskomitee der autonomen Zürcher Jugend" vor etwa siebenhundert Jugendlichen der Stadt eine "Autonome Republik Bunker" aus. Den Anwesenden wurde ein "Verfassungsentwurf" vorgelegt, in dem es hieß, daß in der bürgerlichen Gesellschaft das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung nicht gewährleistet sei und daß man sich vor Ausbeutung und Unterdrückung nur schützen könne, indem man neue Formen des Zusammenlebens schafft. In der neuen Republik solle es "keine Klassengesellschaft und keinerlei Rassismus" geben. Das noch ziemlich beschränkte Territorium würde durch neu zu erobernde Zentren allmählich erweitert werden.

Der Luftschutzbunker, von dem die Rede ist, war als ausgebautes Jugendzentrum am 30. Oktober des vergangenen Jahres allgemeiner Benutzung zugänglich gemacht worden. In den drei Stockwerken boten zwei Säle etwa vierhundert Menschen Platz. Im obersten Geschoß sollten mehrere kleine Räume verschiedenen Veranstaltungen, Sitzungen und Diskussionen dienen. Auch Beratungsstellen für Jugendliche waren geplant; Ärzte, Juristen, Psychologen und ein Pfarrer hatten ihre Unterstützung zugesagt. Die Voraussetzungen für eine ziemlich "autonome" Betätigung der Jugendlichen waren günstig.