Das Beste war das Vorspiel, und das war alt. Vier klassische Stilübungen und drei BIP-Szenen: Marcel Marceau rief ins Gedächtnis zurück, was Pantomime sein kann, womit er einmal glänzte und was offensichtlich über die Zeit zu retten ist.

Die Kunst der stummen Details: "Der Sonntagsmaler", der seine Staffelei aufbaut und, Farben mischend und verspritzend, an Selbsteinschätzung noch das Genie übertrifft; "Der Volksgarten" mit strickender Mutter und Eisverkäufer und rollerndem Kind rings um den gipsernen Jüngling; "Der Maskenmacher", der in Blitzesschnelle die Gesichter verändert und in seinen selbstgeschaffenen Zwängen sich verfängt; "BIP als David und Goliath", ständiger Wechsel von grimmigem Riesen und schalkenhaftem Zwerg.

Nach der Pause aber der Abgesang: "Candide", elf Szenen, ein "Mimodram" nach Voltaires philosophischem Roman, Libretto von Claude Rostand. Zu zeigen ist die Welt-Erfahrung Candides. Von seinem Lehrer Pangloss hat er den Satz, daß in der besten der möglichen Welten alles zum besten steht, aber er muß hinzulernen: Nicht alle haben die gleichen Chancen; der Krieg tötet den Unschuldigen; die Liebe verzehrt; die Zeit verrinnt – auf das Glück wartet man vergebens.

Gezeigt aber wird die Bühnenerfahrung Marceaus: daß das, womit er früher glänzte, heute nur noch einen blassen Schimmer abgibt. Seine Kunst war sein alleiniger Besitz, sie zu übertragen auf ein fremdes Tanzensemble ist nicht möglich, herauskommt ein 55 Minuten Zeit vertreibendes Spectaculum, jenseits von Gut und Böse; zwischen den Stühlen von progressivem Tanz und realistischem Handlungsballett sitzend, muß Marceau sich in BIPs Spiegel erkennen – und er müßte sich über sich selber entsetzen.

Ein paar Ausnahmen, ein paar glückliche Reminiszenzen: die Henker der Inquisition. Sie greifen mit der einen Hand den anderen Unterarm, die Finger werden zu Krallen, ein Werkzeug, einem Laborgreifer ähnlich: Die Henker sind nur ausführende Organe. Das ist noch Marceaus eigene Sprache, gute Schule, präzise Formulierung.

Die Freudenmädchen am Hof: das Rascheln und Schleifen ihrer Goldgewänder mischt sich mit den effekthaschenden Klängen aus dem Orchester auf skurrile Weise zu einer Art musique concrète. Das hat Pfiff, da besaß jemand Phantasie, da verquicken sich die Materialien und die Darstellungsweisen. Aber es dauert alles viel zu lange.

Der Krieg: die Feldherrn auf Türmen, grotesken Panzern, dazwischen das Fußvolk, mit Lanze und Fahne gegeneinander anrennend. Ein buntes Bild, farbenprächtig, ein amüsantes Schauspiel – aber von der Abscheulichkeit des Vorgangs keine Spur. Der Kampf dauert und dauert, Erkenntnisse jedoch vermittelt er nicht.