Von Rolf Zundel

Düsseldorf, im Januar

Rainer Barzel war ausgezogen, das Herz der Partei zu gewinnen. Es war ihm nachgesagt worden, er vereinige taktisches Geschick mit rhetorischer Brillanz und politischer Übersicht, besitze aber nicht das Image des bedingungslosen Kämpfers und Gewinners; und: Er sei in der Fraktion praktisch die unbestrittene Führungsfigur, müsse aber in der Partei immer noch mit Vorbehalten rechnen. Jetzt machte er den Programmparteitag der CDU zu einem Forum für den Auftritt des Kanzlerkandidaten Rainer Barzel.

Das Herz der Partei schlägt allen Reformversuchen zum Trotz noch immer konservativ. Und die Partei ist, wen will das wundern, weniger an einer langfristigen Konzeption interessiert, die der Union vielleicht, im Verlauf etlicher Legislaturperioden wieder zur Macht zurück verhilft. Ihr liegt mehr an etwas anderem: den Sieg schnell zu erringen. Nuancen und Modifikationen der Politik befriedigen die Anhänger nicht, sie fasziniert die harte Alternative. Rainer Barzel stimmte sich, dem Vorbild von Franz Josef Strauß folgend, auf diese Gemütslage ein und griff voll in die Saiten.

Unbestreitbar war seine Rede ein Höhepunkt des CDU-Parteitags – wenn nicht der Höhepunkt. Für ihn war die Messehalle von Düsseldorf, in der andere Redner vergeblich gegen die Nüchternheit und Stimmengemurmel angeredet hatten, kein Problem. Seine metallische Stimme schnitt durch die rauchgeschwängerte Luft wie ein Messer, und das leise Tremolo vibrierte noch in der letzten Ecke.

Barzels Rede war eine Variation der alten Adenauer-Formel, daß die Lage so ernst sei wie noch nie. Wer nur auf die lauten Obertöne hörte, mußte den Eindruck gewinnen, daß die Bundesrepublik innen- wie außenpolitisch einer Katastrophe entgegentreibe, daß alles verloren sei, wenn es der Union nicht im letzten Augenblick gelinge, das fast Unabwendbare doch noch abzuwenden, Die Delegierten mußten sich nicht mit diplomatischen "Wenn und Aber" abquälen, sie konnten sich im Gefühl kämpferischer Entschlossenheit einig fühlen.

Wenn der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU mit anklagend ausgestrecktem Zeigefinger – ganz der Anwalt einer mißbrauchten Nation – die unverzeihlichen Fehler der Regierung anprangerte, dann schlug der Beifall hoch; ein Chor entrüsteter Hinterbänkler intonierte "hört, hört" und "sehr richtig"; und uralte Parteiveteranen nickten bedächtig mit dem Kopfe.