Von Hans-Werner Conen

München

Michael Weissmüller, 54, erhebt seine Stimme, um den Besuchern, wie er sagt, "eine Probe meiner Redegewandtheit die vom Friedensengel kommt", zu geben: "Ich bin der neue Führer Deutschlands, sobald meine Stunde gekommen ist. Dann hört die ganze Zwietracht auf, dann redet nur noch einer, und der bin ich." Der neue Führer aus dem oberbayerischen Dorf Pöring legt seine Rechte auf den gipsernen Heiligenschein einer bunten Madonnenfigur ("Bei offiziellen Sachen steht sie immer neben mir") und ruft mit entschieden zu lauter Stimme durch das kleine Wohnzimmer: "Die Demokratie wird abgeschafft, es gibt nur noch das himmliche Königreich: ein Volk, ein Reich, ein Führer."

Schon vor 200 Jahren, so teilt Weissmüller mit, habe der Waldprophet aus dem Bayerischen Wald" auf "wunderbare Weise" die neuen Führer angekündigt. Als der fromme Zukunftsdeuter trotz bester Beziehungen zum Himmel verblichen war, rutschte sein Sarg von der Karre, sprang auf und gab den Blick frei auf die erhobene Rechte des wackeren Propheten. Somit besteht also kein Zweifel mehr an der himmlischen Sendung Weissmüllers, denn: "In mir ist der Friedensengel, damit ist auch der Friede in Sicht und hundertprozentig gesichert. Auch mein großer Freund und Vorgänger Jesus Christus wollte das, aber er hat leider Fehler gemacht."

Auch Weissmüller hatte zuerst seine Probleme mit dem Friedensengel: "Erst konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen vor Freude, aber man gewöhnt sich daran." Kaum war das geschehen, da tat Weissmüllers Michael einen "weiteren wichtigen Schritt": Er gründete zusammen mit sieben Getreuen, wie es das Vereinsgesetz befiehlt, die "Partei Friedensengel", die dereinst die Macht übernehmen soll.

Wer sich bis dahin getreulich an das 27 Punkte umfassende Parteiprogramm gehalten und regelmäßig den – katholischen – Gottesdienst besucht hat, darf hoffen: "Er bekommt bei mir einen hohen Staatsposten. Ich hoffe nämlich, daß ich bald siegen werde und einen christlichen Führerstaat errichten kann." So schreibt das Parteiprogramm vor, erst mit 27 Jahren zu heiraten und je Ehepaar höchstens zwei Kinder zu zeugen – widrigenfalls droht die Einweisung in ein Arbeitshaus. Uneheliche Kinder sind verboten – widrigenfalls mindestens zehn Jahre Arbeitshaus. Auch Gastarbeiter sind verboten. In allen Schulen muß laut und auch andächtig gebetet werden. Den Führerschein billigt der neue Führer erst ab dem 23. Lebensjahr zu. Auch "Twist und Miniröcke" sind streng verboten. Überhaupt geht es im christlichen Führerstaat der Friedensengel-Partei "diesem ganzen Sex" an den Kragen: unsittliche Filme und Bilder ("Nur Heiligenbilder sind bestimmt nicht unsittlich!") werden ebenso verschwinden wie Gasthäuser, Bordelle und Dirnen. Sollten dem christlichen Untertanen dennoch unsittliche Gedanken kommen, so ist die Rettung nahe: "Nur ruhig beten. Und man soll sich das Bild eines hohen Engels vorstellen. Dann verschwindet das Böse."

Großen Dank schuldet Parteigründer Weissmüller Adolf Hitler ("Der war sicher ein Heiliger"), der sich über einen Mittelsmann aus München bei dem bayerischen Dörfler für alle Fälle himmlischer Unterstützung versichern wollte.