Wie sich ein bedeutender russischer Schriftsteller seiner Vergangenheit zu entziehen sucht

Von Gabriel Laub

Der Fall ist ungewöhnlich: zwei Ausgaben eines Buches mit demselben Titel – und doch sind es zwei verschiedene Bücher; zwei verschiedene Autorennamen auf den Titelseiten – und doch ist es derselbe Mann. Die erste Fassung erschien 1966 in der Moskauer Zeitschrift Junostj (Jugend), auf deutsch 1968 im Diogenes Verlag, die zweite nur in Westeuropa –

A. Anatoli (Kusnezow): „Babij Jar“, Roman, aus dem Russischen von Alexander Kaempfe; Axel Juncker Verlag, München; 475 S., 24,80 DM.

Die Neufassung hat zwar den gesamten Text der Moskauer Ausgabe übernommen (er macht immerhin vier Fünftel des Buches aus), will sich aber nicht zu ihr bekennen. Am Ende des Romans steht 1969 als Entstehungsdatum, und im Vorwort bittet der Autor den Leser, „nur den vorliegenden Text von ‚Babij Jar‘ als authentischen Text anzusehen“.

A. Anatoli hat sich in mehreren Deklarationen von jenem Anatolij Kusnezow losgesagt und ihn als Konformisten und Feigling verdammt, der er war, bis er im Juli 1969 mit einer offiziellen sowjetischen Delegation nach London kam und dort um Asyl bat. Er sagte auch, daß er die Ausreisegenehmigung nur zum Dank für die Spitzelaufgaben erhalten habe, die er dem Staatssicherheitsdienst KGB geleistet hatte – und auf Grund der Denunziation seiner Schriftsteller-Kollegen Jewtuschenko und Aksjonow.

Man kann sich über die Frage, ob Anatoli nun noch Kusnezow sei, so lange den Kopf zerbrechen, bis man zu dem altgriechischen Paradoxon von den Schiffen kommt, deren einzelne Teile so oft ausgetauscht wurden, bis nicht mehr zu sagen war, ob sie noch dieselben waren oder nicht. Denkt man dagegen praktisch, so kann man vermuten, welchen Anteil an dieser naiv schizophrenen Namenswechsel-Posse die kapitalistische Werbelust und welchen die russische Vorliebe für die theatralische Geste hat.