Wenn der Dorfgendarm mit leutseliger, aber schlecht gespielter Nimms-nicht-so-tragisch-Attitüde dem Milchmann Tewje und dessen jüdischen Mitbewohnern von Anatevka den Räumungsbefehl bringt und dieser sich zum Widerstand sogar gegen die Armee bereit erklärt; wenn dann der Vertreter der staatlichen Gewalt den Satz sagt: "Gegen unsere Armee – das würde ich dir nicht empfehlen"; wenn jetzt noch eine ganz, ganz kurze Pause folgt – dann glaubt in der Ostberliner Komischen Oper der Besucher aus dem Westen ein Knistern in der Atmosphäre zu verspüren. Aber das muß daran liegen, daß er zuvor 45 Minuten auf seine Tagesaufenthaltsgenehmigung hatte warten müssen.

Wenn der Sozialrevolutionäre Student Perchik von den gesellschaftlich-politisch-sozial-ökonomischen, den theoretischen Grundlagen der Ehe phrast; wenn dann der Besucher aus dem Westen in dem Satz "Es ist eine neue Welt" einen ironischen Unterton zu hören glaubt; oder wenn er nach dem Satz, daß in Sibirien "zweifellos dort auch zwei Rabbis im Gefängnis sitzen", um sich herum den angehaltenen Atem und den Versuch zu registrieren meint, nur ja keine Betroffenheit zu zeigen – dann sicherlich nur deswegen, weil er vorher das Gerücht mitkriegte, daß Walter Felsenstein mit schwerwiegenden Konsequenzen gedroht habe, falls das "Musical" "Der Fiedler auf dem Dach" tatsächlich verhindert werde.

Gewiß, gewiß, es waren die Zaristischen, die 1905 in weiten Teilen des Landes die Juden-Pogrome anzettelten. Aber immerhin hatte es kürzlich noch den Prozeß in Leningrad gegeben, und selbst das Neue Dentschlandkonnte nicht vermeiden, daß Nachrichten über antisemitische Tendenzen in der großen Sowjetunion auch in die Republik kamen. Eine noch so heitere Folklore, ein noch so naiv augenzwinkerndes Zwiegespräch mit Gott oder die Erkenntnis, daß hier zwar jemand vom Leben überwunden wird, ihm aber letzten Endes doch die besseren Argumente bleiben, sie nehmen der Geschichte von der Vertreibung des Juden nichts von ihrer Tragik und Aggressivität.

Zumal Walter Felsenstein Folklore und Heiterkeit und Naivität schnell überspringt und die Ungeheuerlichkeiten durchscheinen und wirken läßt. Sein "Fiedler auf dem Dach" ist weniger ein deftiges, schon gar nicht ein schmissiges Musical, sondern eher ein hintersinniges Drama.

Wenn Milchmann Tewje seine Einerseits-andererseits-Monologe hält und die Zeit stillsteht, die übrigen Darsteller ebenso in starre Pose fallen, wie die Musik in statische Felder überwechselt, dann macht Felsenstein damit das Allgemeingültige der Monologe deutlich: es geht nicht um das Jahr 1905. Und wenn Tewje nach dem letzten Einerseits – die Tochter Chawe ist dem Nichtjuden Fjedka gefolgt – feststellt "Es gibt kein Andererseits", dann klingt, hinter der Bühne wiederholt, sehr hart, sozusagen zeitlos und unweltlich, der Eingangschor "Tradition" auf: Felsenstein liefert den Bilderbogen eines Musicals, aber er fügt ihm gelegentliche Kommentare zu, die analysierend zu nicht immer bequemen Ergebnissen führen.

Milchmann Tewjes Hütte: sie ist ganz Anatevka, ein Verwandlungsbau, äußerlich der wie ein Spekulatius-Brett geschnitzte Prospekt für ein Dorf-Idyll; wenn man einzelne Frontteile dieses Knusperhäuschens verschiebt oder öffnet, erhält man die Spielräume, Tewjes Wohnung oder ein Zimmer beim Schneider, die Kneipe und die Synagoge. Wenn im letzten Bild der Gendarm den Räumungsbefehl überbringt, bricht dieses Haus auseinander und mit ihm eine Welt. Und durch die Trümmer hindurch wird eine große holzgetäfelte Wand sichtbar, eine überdimensionale Parkettplatte: Für die jüdischen Bewohner, von Anatevka, die, ihr bißchen Sack und Pack auf dem Rücken, ihr Dorf, verlassen, ist die Welt mit Brettern zugenagelt.

Milchmann Tewje (Rudolf. Asmus): auch er singt und tanzt und plaudert und lächelt, optimistisch, auch unter Tränen. Aber er hält niemanden außer Atem; der rabulistische Biedermann und chassidische Halbweise dokumentiert die Quintessenz: In dieser Welt sind die Reichen die Verbrecher, aber eines Tages wird ihr Reichtum uns gehören.